Bereits in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, als der Venezianer Marco Polo auf seinen Reisen das chinesische Reich durchquerte, war Suzhou die Seidenhauptstadt des Landes. Bis heute konnte die Stadt ihre führende Position in der Seidenproduktion behaupten. Das 2500 Jahre alte Suzhou ist mittlerweile eine Millionenmetropole und ein Zentrum der Hightech-Industrie. Ein Wahrzeichen der Stadt ist das „Gate to the East“, ein 300 Meter hoher Zwillingsturm, dessen obere Etagen sich zu einem gigantischen Bogen verbinden. Der Wolkenkratzer unterstreicht die Bedeutung der Stadt für das moderne China. Zu seinen Füßen, eingebettet zwischen ein Kampferbaum-Wäldchen und das Ufer des Jinji-Sees, wurde ein Pavillon gebaut, der die traditionelle und die moderne Seite Chinas vereint.
Zur Naherholung an den See
Der „Wooden Pavilion No. 1“ ist einer von elf Pavillons am Ufer des Sees. Sie stellen die Infrastruktur für einen beliebten Naherholungsraum bereit. Das Serviceangebot für die Bewohnerinnen und Bewohner der Großstadt umfasst sowohl Ruhezonen als auch Einkehrmöglichkeiten. Die Gebäude am Seeufer sind keine neue Idee, schon lange konnte die Bevölkerung hier solche Pavillons nutzen. Ein Teil der Gebäude musste in den letzten Jahren allerdings umfassend saniert und instandgesetzt werden. Für die restlichen sechs erwies sich ein Neubau als die bessere Alternative. Zu diesen zählt auch der „Wooden Cabin Pavilion No. 1“. Er ersetzt einen baufällig gewordenen Holzhüttenpavillon, der ein beliebter Treffpunkt der Einheimischen war.

Nostalgische Gefühle
Für die neu zu errichtenden Gebäude wurden jeweils eigene Wettbewerbe ausgeschrieben. Den Wettbewerb für den Pavillon am Fuße des „Gate to the East“ (sowie für einen weiteren Pavillon) konnte das Shanghaier Architekturbüro Galaxy Arch für sich entscheiden. Das Büro entwarf ein Gebäude, das die nostalgischen Gefühle der Bevölkerung gegenüber dem alten Pavillon berücksichtigt und traditionelle Gestaltungselemente in ein modernes Erscheinungsbild einfließen lässt.

Dach mit Schwung
Das weithin sichtbare Kennzeichen des neuen Pavillons ist sein großes Walmdach aus Zink. Obwohl es eine eigenständige Gestaltung aufweist, erinnert es an traditionelle Wohnhäuser des Landes. Alle vier Dachflächen sind deutlich bis unter Kopfhöhe hinuntergeführt. Zu den Ecken hin schwingen sie jedoch sanft nach oben, sodass hier ein bequemer Zugang ohne eingezogenen Kopf möglich ist. Die Dächer ragen an allen Seiten weit über das eigentliche Gebäude hinaus. Die Dachvorsprünge schaffen um das Gebäudeinnere herum so viel Raum, dass man es in ihrem Schutz problemlos aufrecht umrunden kann. Nur im Bereich der hochgezogenen Ecken kann der Blick ungehindert von den tiefen Dachflächen auch in die Höhe streben.

Wellengang
Das Gebäude ist von halbrunden Holzplattformen umgeben, die sich terrassenförmig um das Gebäude gruppieren und als Sitzgelegenheiten anbieten. Ihre Rundungen greifen die Linienführung und die Proportionen der geschwungenen Dächer auf. Sie wirken wie sanfte Wellen, die sich von der Holzhütte als Zentrum in den See hinein ausbreiten. Dieser leicht erhöhte Außenbereich bietet Schutz vor Überschwemmungen, falls der umliegende Rasenbereich bei Starkregen überflutet wird. Aus dem angrenzenden Kampferbaumwald führt eine Rampe direkt zum Gebäude und stellt einen barrierefreien Zugang bereit.
Café mit Ausblick
Der sich über zwei Etagen erstreckende Pavillon bietet eine Fläche von rund 400 Quadratmetern. Er beherbergt hauptsächlich ein großzügig verglastes Café, das Ausblicke auf die innere Holzstruktur des Daches sowie auf See und Wald gewährt. Im Erdgeschoss befinden sich zudem Toiletten und Abstellräume. Zu den weiteren Annehmlichkeiten gehören ein Rollstuhl- und ein Regenschirmverleih. Im ersten Stock befinden sich weitere Sitzgelegenheiten des Cafés. Von dort gelangt man auch auf eine Aussichtsterrasse mit Seeblick. Durch ihre scharfen Konturen wirkt die Terrasse fast, als sei sie aus dem Zinkdach herausgeschnitten. Auf der anderen Seite des Gebäudes ist ein großes Oberlicht in das Dach eingelassen.

Tragende Verbindung aus Stahl und Holz
Die Hauptstruktur des Gebäudes besteht aus einer Kombination aus Stahl und Holz. Während die Stahlträger und -stützen das Grundgerüst bilden, wurde für Boden, Wände und Decke hauptsächlich Brettsperrholz eingesetzt. An den Außenwänden bestimmen jedoch Glasflächen das Bild. Die Dächer basieren auf einer Konstruktion aus NLT-Systemen (NLT/Nail Laminated Timber). Galaxy Arch wählte diese Kombination aus Stahl und Holz, weil sie Langlebigkeit mit der erforderlichen Tragfähigkeit vereint und gleichzeitig eine außergewöhnliche optische Wirkung erzielt. An vielen Stellen ist die Verbindung der beiden Materialien ein wichtiges und deutlich sichtbares Gestaltungselement.

Ein Material, das auch dort glänzt, wo es nicht ist
Eine Außenhülle aus Zink schützt die Holzkonstruktion des Daches. Für die sanft geschwungenen Formen, die zwischen den Bäumen hervorschimmern, wählte das Architekturbüro die VMZINC-Oberfläche QUARTZ-ZINC. Insgesamt wurden hier etwa 1.000 m² Zink in Stehfalztechnik verlegt. Zu den Vorteilen des Materials zählen seine Flexibilität und die guten Verarbeitungsmöglichkeiten. Diese erlaubten es, die Dachflächen mit großen Einschnitten für die Außenterrasse im ersten Stock und für die Oberlichter auszustatten. Auch für die Umsetzung der harmonisch abgerundeten Dachformen erwies sich Zink als das perfekte Material.

Zwischen Himmel und Erde
Ein weiterer Grund für die Wahl von QUARTZ-ZINC war das Zusammenspiel zwischen der samtgrauen Oberfläche und dem natürlichen Licht. Selbst im hellen Sonnenlicht wirkt es nicht so grell, dass sich der Pavillon mit seinem großen Dach wie ein Fremdkörper von der natürlichen Umgebung abhebt. Gleichzeitig ist es aber auch kein zurückhaltendes Material, das den Pavillon still und unauffällig erscheinen lässt. Stattdessen tritt das Zink durch das Spiel mit dem Licht in einen sanften Dialog mit der Umgebung und ruft ein Gefühl der Harmonie hervor. Auf den großen, sanft nach oben strebenden Dachflächen entsteht vor der umgebenden Skyline ein Licht- und Schattenspiel, das zwischen Himmel und Erde vermittelt.

Auch nachts ein Platz zum Verweilen
Es scheint, als hätten viele Einheimische nur auf die Wiedereröffnung ihres Erholungsplatzes gewartet, denn das Café hat sich schnell zu einem beliebten Treffpunkt entwickelt. Besonders stimmungsvoll präsentiert sich der Pavillon des Nachts. Dann verleiht ein sanfter Lichtschein unter dem Dachvorsprung dem Pavillon eine geheimnisvolle Aura. Der Pavillon tritt aus dem dunklen Schatten des Kampferbaumwaldes hervor. Das warme Licht verlockt dazu, näher zu treten und in der Lichtinsel zu verweilen. In der Dunkelheit unterstreicht der „Wooden Cabin Pavilion No. 1“ seinen Anspruch, der Bevölkerung einen Rückzugsort inmitten der Großstadt zu bieten.

Guido Wollenberg
Bildrechte: Arch-Exist Photography