Neue Perspektive: Die fünfte Fassade rückt ins Bild

Als der Bau eines neuen Hauptquartiers für die Genossenschaft CIA anstand, gab es gute Gründe, in ein repräsentatives Aushängeschild zu investieren. Die Commercianti Indipendenti Associati hat klein begonnen, sie wurde im Jahr 1959 in der Stadt Forlì von zehn lokalen Kaufleuten gegründet. Doch heute ist sie ein Teil von Conad, der größten Kooperative unabhängiger Einzelhandelsunternehmer Italiens. Allein für die im Nordosten des Landes beheimatete Genossenschaft CIA arbeiten heute über 14.000 Menschen.

Gehirngerecht gebaut

Das Konzept für das neue Hauptquartier umfasst mehr als eine auffallende Gestaltung der Außenhülle. Das Architekturbüro tissellistudioarchitetti aus Cesena setzte das Bauwerk im Sinne der Neuroarchitektur um. Dieses Forschungsfeld an der Schnittstelle zwischen Architektur und Neurowissenschaft macht sich neue Erkenntnisse darüber zunutze, wie Räume unser Gehirn und somit unser Denken, Fühlen und Verhalten beeinflussen. Ziel ist es, eine Umgebung zu schaffen, die Menschen aktiv unterstützt und herausfordert. Dazu tragen Licht, Belüftung und Akustik ebenso bei wie Materialien, Proportionen oder sogar Gerüche. All diese Faktoren wirken auf das menschliche Nervensystem und können Stress mindern, die Konzentration fördern oder soziale Interaktionen erleichtern.

Der neue Hauptsitz von CIA Conad entstand mit der Vorgabe, einige Strukturen des vorherigen Gebäudes zu übernehmen

Standortnachteil

Aus architektonischer Sicht bot der Standort am Stadtrand von Forlì keine besonders guten Startvoraussetzungen. Zwar ist der neue Hauptsitz der Genossenschaft CIA verkehrstechnisch gut angebunden, er entstand jedoch inmitten einer monotonen Aneinanderreihung von Lagerhallen in einem unansehnlichen Industriegebiet.

Die alten Strukturen bleiben erhalten

Zugleich folgte der Entwurf von tissellistudioarchitetti der Vorgabe, dass das „Sidera“ getaufte neue Bauwerk die Strukturen des vorherigen Genossenschaftshauptsitzes und seiner Büros nachbilden sollte. Diese Strukturen hatten sich über Jahrzehnte herausgebildet und sollten trotz des Neustarts erhalten werden. Anstelle der üblichen Großraumbüros sollten weiterhin kleine Büros mit Arbeitsplätzen für ein bis zwei Personen entstehen, gepaart mit einer maximalen Flexibilität bei der Gestaltung der Büroräume. Gleichzeitig sah die Aufgabenstellung einen zentralen Korridor mit den Büros auf beiden Seiten des Gangs vor. Zudem sollten die sechs Abteilungen der Genossenschaft jeweils auf einer eigenen Ebene untergebracht werden. Auch ein Versammlungsraum mit 200 Plätzen sowie eine Kantine, die bei Bedarf in weitere Büroräume umgewandelt werden kann, mussten in das Gebäude integriert werden. Erschwerend kam hinzu, dass die Genossenschaft kurz vor Baubeginn zwei weitere Vertriebsnetze erwarb, sodass die Planung kurzfristig um rund 30 Prozent auf eine Gesamtfläche von 4.360 m² erweitert werden musste. Um Platz für neue Mitarbeitende zu schaffen, wurde das Gebäude um ein zusätzliches Geschoss aufgestockt.

Die Dachkonstruktion lässt an den beiden Gebäudeenden Platz für jeweils einen kleinen Dachgarten

Drei plus eins

Das neue Hauptquartier ist ein 100 Meter langes, gestrecktes Gebäude, dass an seiner dicksten Stelle mit einem kleinen Knick einen Richtungswechsel vollführt. Bei einer Höhe von 33 Metern wurden insgesamt acht Stockwerke integriert. Die Fassaden des Gebäudes werden durch die drei Materialien Glas, Aluminium und Beton bestimmt. Auf dem Dach ist hauptsächlich ein Material zu finden: VMZINC in der Oberflächenqualität AZENGAR.

Lamellen ohne Ende

An den beiden Längsseiten des Sidera bestimmt eine Kombination aus Glasfassaden und vertikalen Aluminiumlamellen das Bild. Mit einer Länge von insgesamt fast sechs Kilometern verschatten die Lamellen die rund 5.000 m² großen Glasflächen. Gleichzeitig reflektieren die Lamellen das natürliche Licht je nach Tageszeit und Wetter in unterschiedlichen Schattierungen und Farben. Sie sind so angeordnet, dass das Gebäude abhängig vom Blickwinkel als undurchsichtiger oder als transparenter Block wahrgenommen wird.

Die verwendeten Materialien tragen zu einem entsättigten Farbeindruck bei

Für Mensch und Markt

Im Inneren des Gebäudes bestimmten die Erkenntnisse der Neuroarchitektur sowohl die Elemente der Gebäudetechnik als auch die Designentscheidungen für die Innenarchitektur. Das Ziel dabei ist, sowohl den Menschen als auch den Unternehmenszielen gerecht zu werden. Das psychische Wohlbefinden der Mitarbeitenden soll gesteigert und dadurch die Produktivität erhöht werden. Natürliches Tageslicht, eine kontrollierte Belüftung und eine gute Schalldämmung tragen zu einer gesunden Umgebung bei. Gleichzeitig setzt die Inneneinrichtung auf eine zurückhaltende, neutrale Farbpalette, durch die die vorherrschenden Materialien Holz, Aluminium und Beton gut zur Geltung kommen. Maßgefertigte Möbel ergänzen das minimalistische Design und unterstreichen die seriöse und funktionale Atmosphäre des Gebäudes. Die Flächen außerhalb der Büros sind großzügig bemessen und mit Sitzgelegenheiten ausgestattet. Sie bieten viele Möglichkeiten für Begegnungen und Ideenaustausch. Durch Funktionalität, Flexibilität und Wohlbefinden soll die Firmenzentrale die Anforderungen an einen modernen Arbeitsplatz erfüllen und den Einzelnen ebenso wie die Gemeinschaft gehirngerecht stärken.

Treppe zeigt Offenheit

Das wichtigste Verbindungselement zwischen den Abteilungen ist das zentrale Treppenhaus am Knickpunkt des Gebäudes. Spiralförmig führt die Treppe mit geschwungenen Formen und weißen Brüstungen durch alle Stockwerke nach oben und bleibt dabei im Zentrum offen. So bietet das Treppenhaus im Gebäudeinneren die einzige Möglichkeit, das Bauwerk in seiner gesamten Höhe zu erfassen.

Viele neue Apps zeigen die Welt von oben. Als fünfte Fassade gewinnt das Dach so immer mehr an Bedeutung

Blick von oben gehört dazu

Das Konzept für das Gebäude schließt auch das Dach mit ein, das als „fünfte Fassade“ angelegt wurde. Das Team von tissellistudioarchitetti ist überzeugt, dass Satellitenbilder und Tools wie Navigations- und Karten-Apps oder Google Earth inzwischen einen großen Einfluss darauf haben, wie wir Architektur im Raum wahrnehmen. Wir haben uns daran gewöhnt, die Erde von oben zu betrachten. Das Dach wird so zu einem präsenten Teil des Gebäudes, der bewusst und mit gleicher Aufmerksamkeit wie die Fassaden gestaltet werden muss.

Von oben ist gut zu erkennen, wie sich das Vordach über dem Eingang in die gesamte Dachlandschaft integriert

Fünfte Fassade mit einer Fußnote

Der neue CIA Hauptsitz greift auf eine Satteldachform mit eher moderaten Dachwinkeln und insgesamt sechs unterschiedlich geneigten Flächen zurück. Diese laufen in drei großen Oberlichtern zusammen. Eines davon liegt über dem Treppenhaus und führt das Licht durch dessen Zentrum bis in das Erdgeschoss hinunter und verleiht ihm so die Qualität eines Atriums. Die Dachflächen erstrecken sich über einen Großteil der Gebäudelänge, lassen jedoch an den gegenüberliegenden Gebäudeseiten Platz für zwei Dachgärten im obersten Stockwerk. Eine weitere Dachfläche befindet sich über dem weitläufigen Eingangsbereich. Der Blick von oben macht deutlich, dass auch das viel weiter unten liegende Vordach mit dieser Perspektive im Sinn gestaltet wurde. Es tritt am Fuße des Gebäudes seitlich aus der „fünften Fassade“ heraus und ist durch Materialwahl und die charakteristische Linienführung der Falze als integraler Bestandteil der Dachfläche auszumachen.

Stimmig entsättigt

Für alle Dachflächen wählten tissellistudioarchitetti die VMZINC-Oberfläche AZENGAR. Der Werkstoff ist flexibel in der Anwendung, lässt sich leicht bearbeiten und biegen. Insgesamt verlegte das Unternehmen Steel Pool Cantieri aus Forlì dafür 1.100 m² der gravierten Titanzinkoberfläche in Stehfalztechnik. Durch die sehr helle und gleichzeitig matte Zinkvariante fügen sich die Dachflächen in das Farb- und Materialspektrum der Fassaden ein und schließen die insgesamt eher entsättigte Farbwahl des Gebäudes nach oben hin stimmig ab. Die auch auf Luftaufnahmen deutlich sichtbaren Falze der Stehfalzverlegung greifen die ausgeprägte vertikale Linienführung der Lamellen an der Fassade auf.

VMZINC AZENGAR in Stehfalztechnik rahmt das große Oberlicht ein. Das Licht gelangt durch das darunterliegende offene Treppenhaus bis ins Erdgeschoss

Trost für einen traurigen Standort

Das Sidera nutzt die Photovoltaikanlagen nahegelegener Lagerhallen und arbeitet klimaneutral. Das Gebäude erreicht die höchste italienische Energieklasse A4, die sich durch einen geringen Energiebedarf und die Nutzung erneuerbarer Energien auszeichnet. Sie gewährleistet eine minimale Umweltbelastung und einen reduzierten Ressourcenverbrauch. Rund um das neue Hauptquartier der Genossenschaft wurden zusätzlich rund 300 Bäume und 22.000 Pflanzen angepflanzt. Diese sollen den CO₂-Fußabdruck des Projekts jährlich um rund 52.000 kg Kohlendioxid reduzieren. Bisher mangelte es dem Standort am Stadtrand von Forlì an baulichen Vorzügen. Mit dem Sidera wollten die Bauherren und das Architekturbüro tissellistudioarchitetti dem traurigen Standort ein Geschenk machen und die Aufenthaltsqualität verbessern. Das ist ihnen in vielfacher Hinsicht gelungen.

Mit dem Bau wurde viel Grün angepflanzt – nicht nur aus ökologischen Gründen, sondern auch, um den Standort zu verschönern

Guido Wollenberg

Bildrechte: tissellistudioarchitetti

Kommentar verfassen