Neues Lernen zwischen alten Wegen

Zeitgleich zum 20-jährigen Jubiläum der Aufnahme Estlands in die Europäische Union und die NATO wurde im vergangenen Jahr eine Schule in der Stadt Narva eröffnet. Mit circa 55.000 Einwohnern ist Narva die drittgrößte Stadt Estlands und ein wichtiger Industriestandort. Geografisch ist sie nur durch einen Fluss, der ebenfalls Narva heißt, von Russland getrennt. So wurde Narva zum Zentrum der russischsprachigen Minderheit des Landes. Rund 95 % der Einwohner der Stadt gehören zu dieser Gruppe.

Mit dem Neubau der Estnischen Schule in Narva möchte der Staat seinen Schülerinnen und Schülern eine hochwertige estnischsprachige Bildung in einer inspirierenden Umgebung bieten, die das Lernen fördert. Gleichzeitig ist der Neubau eine Reaktion darauf, dass estnischsprachige Bildungseinrichtungen auch bei russischsprachigen Familien immer beliebter werden.

Das Wegenetz der historischen Altstadt soll mithilfe eines aktuellen Stadtentwicklungsplans wiederhergestellt werden. Der Grundriss der Schule orientiert sich an dieser Planung

Historisches Erbe und moderne Architektur

Im Wettbewerb um den Bau von Schule und Kindergarten konnten sich 3+1 Architekten aus Tallinn mit ihrem Entwurf durchsetzen. Ihr Plan sah einen Gebäudekomplex nach dem Vorbild der mittelalterlichen Stadtgebäude Narvas vor, die sich teils durch einen Innenhof auszeichneten. Von dieser historischen Bebauung ist heute nichts mehr erhalten, da sie im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört wurde. Der nach dem Krieg wiederaufgebauten Stadt fehlten lange Zeit die Bezüge zu ihrer Vergangenheit.

Der neue Gebäudekomplex ist Teil eines umfassenderen Plans, die zerstörte Altstadt von Narva wiederzubeleben. Der Stadtentwicklungsplan sieht jedoch keine direkte Kopie der Altstadt vor. Vielmehr setzt er auf neue Gebäude, die das historische Erbe respektieren und sich gleichzeitig an den Prinzipien einer modernen Architektur orientieren. Damit einhergehend soll auch die alte Wegführung in der Stadt wiederhergestellt werden. Der Stadtraum soll wieder durch zahlreiche Gassen und Innenhöfe gegliedert werden und dennoch einen modernen Charakter erhalten.

Schule und Kindergarten sind Teil desselben Bauprojekts. Trotz einiger Gemeinsamkeiten behaupten sie ihre Eigenständigkeit

Dunkle Fassaden für die höhere Bildung

Die Estnische Schule in Narva vereint eine Grundschule und ein Gymnasium in einem Gebäudekomplex, der eine Grundfläche von fast 5.000 m² bietet. Ein ebenfalls neuer Kindergarten liegt auf der anderen Seite einer angrenzenden Straße. Gemeinsame Gestaltungsmerkmale der einander gegenüberliegenden Gebäude zeigen, dass Schule und Kindergarten Teil des gleichen Bauprojekts waren. Beide Gebäude verfügen über ins Auge fallende, leicht rötlich schimmernde Holzelemente an den Fassaden im Erdgeschoss. Oberhalb davon zeichnet sich der Kindergarten jedoch durch eine weiße Farbgebung aus, während die Fassaden des Schulkomplexes in der dunklen Zinkoberfläche ANTHRA-ZINC ausgeführt sind.

Ein Teil der ehemaligen Schule wurde in das neue Gebäude integriert. In diesen Räumen findet nun der Unterricht für die Grundschulkinder statt

Neu verbunden

Der Neubau für das Gymnasium dockt an die Reste eines alten Schulgebäudes an, in dem sich heute die Grundschule befindet. Der größte Teil des alten Bauwerks wurde abgerissen, unter anderem, weil es genau auf einer alten Wegführung stand, die nun gemäß dem aktuell verfolgten Stadtentwicklungskonzept wiederhergestellt wird. Die Überbleibsel der alten Schule zeugen noch von dem nüchternen, funktionalistischen Baustil der 1960er Jahre. Eine bauliche Besonderheit ist ein rundes Treppenhaus, das auf der Vorderseite aus dem weiß verputzten Bau herausragt und ebenfalls erhalten blieb.

Bewusste Farbwahl

Die neue Schule ist eine Betonkonstruktion mit hohen Decken, hellen Klassenzimmern und einer modernen Ausstattung. Polstermöbel, Sitzsäcke und runde Tische ermöglichen den Schülerinnen und Schülern vielfältige Lern- und Freizeitaktivitäten. Unterschiedliche Farbkonzepte im Gebäude deuten auf die jeweiligen Schulstufen hin. Denn neben den architektonischen und städtebaulichen Zielsetzungen galt es auch, den unterschiedlichen Altersgruppen vom Grundschulalter bis zur gymnasialen Oberstufe gerecht zu werden. Auch die Außenfassade des Gebäudeensembles wird durch bewusst ausgewählte Materialien, Farbtöne und Schattierungen geprägt.

Ein freitragendes Dach markiert den Eingang zum Gymnasium

Der Innenhof bietet Schutz und Sonnenlicht

Die Außenfassaden im Erdgeschoss des neuen Gebäudes sind durch geschosshohe, in Holz eingefasste Glasflächen geprägt. Die Fassaden der darüberliegenden Geschosse setzen auf eine Verkleidung aus dunklen Zinkschindeln. Die wie ein Hof angelegte Schule verfügt über einen breiten, einladenden Zugang, durch den man von der Straße in den Innenhof gelangt. Ein 15 Meter langes, freitragendes Vordach markiert den Haupteingang zum Gymnasium. Diesem gegenüber liegt das rundlich vorstehende Treppenhaus der alten Schule und wirkt wie ein Wachturm, der den Zugang zum Innenhof schützt. Der zur Sonne ausgerichtete Pausenhof ist mit umlaufenden, galerieartigen Gängen und Balkonen ausgestattet, die sich über alle Stockwerke ziehen. Deren Böden, Decken, Fassaden und Pfeiler bestehen aus dem bereits bekannten, rötlichen Holz.

Rechteckige VMZINC-Schindeln in der Oberfläche ANTHRA-ZINC bestimmen das Bild an der Außenfassade der Estnischen Schule. Größe und Form sollen das Erscheinungsbild von Mauerwerk nachbilden

Rechteckige Schindeln als Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft

Für die Fassaden und Dächer der Schule wurden insgesamt 2.800 m² VMZINC verarbeitet. An den Fassaden kamen Schindeln in der vorbewitterten Oberfläche ANTHRA-ZINC zum Einsatz. Die rechteckige Form der Schindeln soll an die steinsichtigen, gemauerten Wände der zerstörten historischen Gebäude von Narva erinnern. Die lineare und regelmäßige Anordnung der Schindeln, welche sich über die gesamten oberen Fassaden erstreckt, wirkt der teils komplexen Fassaden- und Dachgeometrie des Gebäudes ausgleichend entgegen und bringt eine durchgehende Ordnung und Struktur in die Gestaltung. Unterbrochen wird das dunkle Zink nur durch Fenster, deren Laibungen aus dem rötlichen Holz gefertigt sind, das auch im Erdgeschoss den Anblick prägt. Eine auffällige Besonderheit sind die in das Dach übergehenden Fenster im obersten Stockwerk. Der größte Teil der obersten Fensterreihe zieht sich samt der Holzlaibungen über die Traufe bis in das Dach und durchbricht so immer wieder die gerade Dachlinie.

Wiederbelebung mithilfe der EU

Neben der zeitlosen Eleganz der dunklen Zinkoberfläche war auch deren perfektes Zusammenspiel mit dem rötlichen Holz ein Grund, warum sich 3+1 Architekten für VMZINC entschieden haben. Ihr Gebäude trägt zur modernisierten Wiederbelebung des historischen Stadtbilds bei. Bei dem Projekt, das zu einem bedeutenden Teil aus EU-Mitteln finanziert wurde, spielten zudem Langlebigkeit und Nachhaltigkeit eine entscheidende Rolle. Dies sind Aspekte, bei denen sich Titanzink-Oberflächen von VMZINC ebenfalls hervorragend am Markt behaupten können.

Außergewöhnliches Detail: Viele Fenster im oberen Stockwerk ziehen sich bis in den Dachbereich

Konzertierte Aktion

An den rund eineinhalb Jahre dauernden Bauarbeiten waren täglich durchschnittlich 150 Arbeiter beteiligt. Mit vereinter Anstrengung schufen sie nach den Plänen von 3+1 Architekten einen schönen und inspirierenden Gebäudekomplex für die Schülerinnen und Schüler von Narva. Bleibt zu hoffen, dass der estnischen Stadt direkt an der russischen Grenze und ihrem neuen Schulgebäude eine friedliche Zukunft bestimmt ist.

Auch bei Dunkelheit und künstlicher Beleuchtung harmoniert das Holz gut mit dem dunklen ANTHRA-ZINC. Das Gebäude wirkt dadurch warm und einladend

Guido Wollenberg

Bildrechte: Tonu Tunnel

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