Bezahlbarer Wohnraum ist ein wichtiger Punkt auf der politischen Agenda vieler Parteien. Doch gerade in den dicht besiedelten Innenstädten fehlt oft der Platz für neue Gebäude. Und selbst wenn dieser vorhanden ist, steht eine vermehrte Bautätigkeit oft im Konflikt mit einer ökologisch sinnvollen Entsiegelung der Flächen. Auch in Hamburg wird nach Lösungen für dieses Dilemma gesucht. Die Elbmetropole ist in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen und mit rund 1,86 Millionen Einwohnern mittlerweile die zweitgrößte Stadt Deutschlands. Freie Flächen für neue Gebäude sind besonders in der Kernstadt kaum zu finden – und wenn, dann sind sie entsprechend teuer.
Wachstum nach oben
Ein Projekt im Stadtteil Eimsbüttel zeigt einen Ansatz zur Entspannung der Wohnsituation: Durch eine Aufstockung des Gebäudebestands wird neuer Wohnraum geschaffen, ohne dass zusätzliche Flächen versiegelt werden müssen. Trutz von Stuckrad Penner Architekten haben für die Dachaufstockung eines denkmalgeschützten Gebäudeensembles einen Entwurf vorgelegt, von dem sie auch die Denkmalbehörde überzeugen konnten. Es ist ihnen gelungen, die alten und die neuen Stockwerke auf eine Weise zu verbinden, welche die historische Bausubstanz angemessen würdigt.

Am Dach gespart
Das aus acht Hauseinheiten bestehende Ensemble mit einer abwechslungsreich gestalteten Klinkerfassade wurde im Jahr 1908 errichtet. Es erlitt jedoch im Zweiten Weltkrieg schwere Schäden und wurde in den 1950er Jahren wieder instand gesetzt. Anstelle des originalen Dachstuhls schloss das oberste Geschoss allerdings nun mit einer Betonplatte ab, auf die lediglich ein flaches Satteldach gesetzt wurde.
Die Menge machts
Zuletzt befanden sich mehr als 100 kleine Wohnungen und einige Ladenlokale in dem s-förmigen Ensemble, das als Denkmal der Reformarchitektur unter staatlichem Schutz steht. Die Fassade besteht hauptsächlich aus hell- und dunkelroten Backsteinen im Hamburger Format. Weiß und grün glasierte Backsteine setzen Akzente und bilden kleinere Teilflächen und Muster aus. Im Laufe der Jahrzehnte entstanden an der Fassade jedoch Schäden, die eine Instandsetzung erforderten. Gleichzeitig mit den Arbeiten an der Außenhülle wurde auch die Heizungsanlage erneuert und auf Fernwärme umgestellt. Das Gebäude bekam neue Fenster und die Außenwände im hinteren Hof wurde zusätzlich neu gedämmt. So erreicht das Gebäude heute den Energiestandard eines Effizienzhauses 55.
Diese ohnehin geplante Sanierung war ausschlaggebend dafür, dass der Bauherr auch die zusätzliche Aufstockung in Betracht zog. Denn er hatte in vergangenen Projekten die Erfahrung gemacht, dass es schwierig ist, Aufstockungen wirtschaftlich umzusetzen, wenn sie nicht in ein größeres Sanierungsvorhaben eingebunden sind.

Gemischtes Publikum
Durch die Aufstockung wurden 23 neue Mieteinheiten geschaffen, die als Etagen- oder Maisonettewohnungen gestaltet sind. Der Großteil der Wohnungen hat eine Fläche zwischen 55 m² und 85 m², es gibt jedoch auch Wohnungen mit 25 m² oder mit 115 m² Fläche. Als Richtlinie für die größten Wohnungen wurden ungefähr 110 m² anvisiert, da die Mietkosten in Hamburg eine Vermietung von größeren Wohnungen schwierig machen. Mit den recht unterschiedlichen Wohnungsgrößen verfolgten Bauherr und Architekturbüro das Ziel, ein heterogenes Mietumfeld für Menschen mit verschiedenen Lebensstilen und aus verschiedenen Altersgruppen zu schaffen.
Außer Blick geraten
Ursprünglich wollte das Denkmalschutzamt nur eine eingeschossige Aufstockung erlauben, um so den visuellen Eindruck des historischen Gebäudes zu bewahren. Doch dies hätte für den Bauherrn einen hohen baulichen und finanziellen Aufwand bei geringer zusätzlicher Wohnfläche bedeutet. Nach intensiven Gesprächen zwischen Architekturbüro und Denkmalbehörde konnte man sich jedoch auf eine zweigeschossige Aufstockung einigen, bei der das zweite Stockwerk von der Straße aus verborgen bleibt.
Um alle Wohnungen der Aufstockung mit einem großzügigen Raumeindruck und ausreichend Tageslicht auszustatten, erhielten sie hohe Gauben und Loggien. Die größeren Maisonettewohnungen in der zweiten aufgestockten Etage verfügen über Dachterrassen. Die großen Doppeltüren auf die Terrassen sind senkrecht zur Straßenfront angelegt. So sind sie von unten nicht zu erkennen und geben keinen Hinweis darauf, dass sich hinter dem Dach noch ein zweites Geschoss verbirgt.

Unauffälliger Übergang
Schon die historische Fassade wird durch eine rhythmische Abfolge der Fensterreihen gegliedert. Diese Rhythmisierung setzt sich nun auch im neuen Dachbereich mit der Anordnung von Gauben und Loggia-Vorbauten fort. Die gesamte Aufstockung ist in Material, Farbe sowie in der Ausführung der Details an den Bestand angepasst. So ergibt sich ein sehr unauffälliger Übergang von den alten zu den neuen Bereichen. Gleichzeitig ist auf dem gesamten Ensemble eine neue Dachlandschaft entstanden, die jedoch nur von den oberen Etagen der umliegenden Gebäude aus sichtbar wird.
Verteilte Lasten
Die Aufstockung wurde als Hybridkonstruktion aus Stahl und Holz errichtet. Auf die alte Betonplatte über der obersten Etage wurde ein Stahlrost gelegt, welcher nun die zusätzlichen Lasten auf die Außen- und Innenwände abträgt. Auf dem Stahlrost setzt ein Stahlrahmenbau auf, der die Holzdecken und -wände aufnimmt.

Schindeln statt Schieferdeckung
In Erinnerung an die ursprüngliche Schieferdeckung des historischen Gebäudebestands entschied sich das Architekturbüro dafür, dunkle Schindeln aus vorbewittertem Titanzink für die Dacheindeckung zu verwenden. Zum Einsatz kamen große, quadratische Schindeln in der VMZINC-Oberflächenqualität ANTHRA-ZINC, die in einem Rautenmuster verlegt wurden. Die Basis dafür bildet eine vollflächige Holzschalung mit Hinterlüftung.
Zweierlei ANTHRA-ZINC
Die ANTHRA-ZINC Schindeln werden vor allem an den Dachbereichen verwendet, die von der Straße aus gut einsehbar sind. Beispielsweise an allen stärker geneigten Dachflächen. Im Innenhof bedecken die Schindeln auch die obersten Fassadenbereiche, die den Übergang von der letzten Geschossdecke zur beginnenden Dachschräge markieren. Auf der Straßenseite wurden diese Übergangsbereiche hingegen mit Klinkermauerwerk erstellt.
Auch für die von unten nicht einsehbaren Dachflächen, wie die Oberseiten der Giebel und die nur gering geneigten obersten Dachflächen, wurde ANTHRA-ZINC verwendet. Hier wurden jedoch Zinkscharen in der weniger aufwendigen Stehfalztechnik verlegt.

Gelungene Verbindung
Die Aufstockung des großflächigen innerstädtischen Ensembles bewahrt die Ästhetik des Bestandsgebäudes. Durch wohldurchdachte Gestaltungsideen und eine passende Materialwahl ist es gelungen, die unterschiedlichen Zeitschichten von Wohngebäude und Aufstockung zu einem einheitlichen Ganzen zu verbinden. Das dunkle Zink fügt sich gut in das Bild des historischen Ensembles ein, während die Verwendung der modernen Schindelvariante von VMZINC es dennoch als zeitgenössische Lösung identifiziert.
In Hamburg gepriesen
Für die überzeugende Vervollständigung des denkmalgeschützten Gebäudes und die gelungene Verbindung von Alt und Neu wurden Trutz von Stuckrad Penner Architekten mehrfach ausgezeichnet. So erhielten sie im Jahr 2024 den Hamburger Preis für gelungene Dachaufstockungen mit dem bezeichnenden Namen „Neu geDACHt“. Mit dem im letzten Jahr zum ersten Mal ausgeschriebenen Preis möchte die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen in Hamburg das Thema Aufstockung und Dachnutzung stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rücken – und natürlich in den dicht bebauten urbanen Stadtteilen den Bau von zusätzlichem Wohnraum anstoßen.

Guido Wollenberg
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