Der Bau der Biggetalsperre in den 1960er Jahren bedeutete den Untergang für die Ortschaft Listernohl. Sie versank mitsamt der alten Kirche in den Fluten des neuen Wasserspeichers im Sauerland. Die Bevölkerung wurde umgesiedelt und erhielt mit Neu-Listernohl ein neues Zuhause in der Nähe des Stausees. Auch die alte katholische Pfarrkirche erhielt ein neues Gegenstück, dessen Kirchturm wurde mit einer Metallhülle bekleidet.
Sanierungsstau
Im Laufe der Jahrzehnte traten vermehrt bauliche Schäden an der Ersatzkirche auf. Die Folgen eines erheblichen Sanierungsstaus zeigten sich immer deutlicher. Der Außenbeton wies an verschiedenen Stellen Mängel auf. Aufgrund von Feuchtigkeitsschäden konnte die Krypta nicht mehr genutzt werden, und weil die Kirchenräume nicht isoliert waren, konnte auch ein Schimmelbefall an der Orgel nicht gestoppt werden. Mittlerweile war die alte Kirche für die kleiner werdende Gemeinde auch zu groß geworden. Gleichzeitig fehlten ihr für das Gemeindeleben benötigte Räume, die auch bei einer umfassenden Sanierung und Umstrukturierung keinen Platz gefunden hätten.

Der Glockenturm darf bleiben
Der Entschluss der St. Augustinus Gemeinde stand fest: Die alte Kirche sollte abgerissen und an ihrer Stelle ein neues Gebäude errichtet werden. Eine Ausnahme bildete der charakteristische Glockenturm. Er sollte als vertrautes und weithin sichtbares Element erhalten bleiben. Aus dem Inneren der Kirche konnten zudem der Hochaltar und die Orgel gerettet werden.
Anders als andere
Mit der Planung der neuen St. Augustinus Kirche wurden Deen Architekten aus Münster beauftragt. Sie ließen sich von der vorherigen Turmgestaltung mit ihrer metallischen Bekleidung inspirieren. Deen Architekten entschieden sich, diese Materialität für das gesamte Gebäude zu verwenden. Dabei verordneten sie dem Glockenturm jedoch eine deutliche optische Wandlung. Für die Außenhülle von Turm, Dächern und Fassaden wählte das Architekturbüro die VMZINC-Oberfläche PIGMENTO rot als Bekleidungsmaterial. Im Gegensatz zum Vorgängerbau bilden Turm, Kirchenschiff und Gemeinderäume nun räumlich und architektonisch eine geschlossene Einheit. Mit ihrer besonderen Außenhülle aus Zink hebt sich die Kirche deutlich von anderen sakralen Bauten ab. Ein außergewöhnliches Detail macht den Kirchturm zum Blickfang des Bauwerks. Fast über die gesamte Höhe des Turms durchzieht eine kreuzförmige Öffnung den Baukörper und bildet ein in den Turm hineingeschnittenes Kreuz. Je nach Standpunkt erlauben die „Balken“ des Kreuzes einen Blick durch den Turm hindurch gen Himmel.

Keine Trennung zwischen Gottesdienst und Gemeindeleben
Die neue Kirche ist über 200 Quadratmeter groß und bietet etwa 120 Sitzplätze. Zwei Gruppenräume mit jeweils rund 48 Sitzplätzen lassen sich bei Bedarf mit dem Kirchenraum vereinen und vergrößern so das Raum- und Sitzplatzangebot. Gleichzeitig können die Gruppenräume auch für private Feiern genutzt werden. Hinter dieser Flexibilität steckt auch eine übergeordnete Idee. Schon die architektonische Gestaltung soll zeigen, dass die Feier des Gottesdienstes und das Gemeindeleben zusammengehören.
Himmlische Akzente
Im gesamten Gebäude findet sich nicht eine Stufe, es ist zu 100 Prozent barrierefrei. Über einen neu gestalteten Vorplatz gelangt man auf ebener Fläche ins Innere, wo Sichtbetonwände bis zu elf Meter in die Höhe ragen. Ein großes Oberlicht am höchsten Punkt des Baukörpers lässt zusätzliches Tageslicht in den Kirchenraum fließen und setzt bei passendem Sonnenstand einen „himmlischen“ Lichtakzent. Die Kirche ist ein Massivbau mit Stahlbetonwänden. Geheizt wird mithilfe einer Wärmepumpe.

Materialwahl unterstreicht die Zusammengehörigkeit
In Anlehnung an die ursprüngliche metallische Eindeckung des Glockenturms wird nun Zink als Material für die Dächer und Fassaden der gesamten Kirche verwendet. Die vorbewitterte, rote PIGMENTO-Oberfläche stellt einen Bezug zu den Ziegelwänden der Vorgängerkirche her. Die weitgehend einheitliche Materialwahl für die Außenhülle unterstreicht die Zusammengehörigkeit des gesamten Gebäudes. Obwohl sich Turm, Kirchenschiff und Gemeinderäume in Form und Höhe unterscheiden, bildet das rote Zink eine übergreifende Klammer. Nur einige wenige Fassadenelemente heben sich durch einen hellen Bronzeton davon ab.

Maßgeschneiderte Details
Die Dachlandschaft von Kirchenschiff und Gemeinderäumen ist in vier unterschiedlich geneigte Dachflächen aus Zink aufgeteilt. Eine weitere kleine Dachfläche wird komplett durch die verglasten Oberlichter ausgefüllt. Die Zinkdächer werden durch eine Stahl-/Holzkonstruktion getragen. Auf den Dächern und an der Fassade wurde das Zink gebäudeübergreifend in Stehfalztechnik verlegt. Die unterschiedlichen Dachneigungen und -formen der Kirche machten die Hinterlüftung der Dachflächen zu einer Herausforderung. Hier zeigten sich die Vorteile einer engen Zusammenarbeit zwischen Deen Architekten und dem VMZINC-Hersteller VM Building Solutions: Das Unternehmen stand dem Architektenteam bei der Entwicklung passender Lösungen zur Seite. Normale Standarddetails hätten hier nicht funktioniert. Letztlich wurde die Hinterlüftung mithilfe einer maßgeschneiderten Kreuzlattung realisiert.
Alles dicht
Auch bei weiteren baulichen Herausforderungen hat sich die Zusammenarbeit bewährt. So erwies sich beispielsweise das Oberlicht im höchsten Punkt des Kirchenschiffs als anspruchsvolle Aufgabe. Die Einbindung des Glasdachs erforderte spezielle Detailausbildungen, welche die Dichtheit der Eindeckung in diesem Bereich sicherstellen. Das Vorgehen musste zudem genau mit dem Fensterbauer abgestimmt werden.

Ungewohnter Anblick
Mit ihrer Außenhülle aus rotem Zink ist die St. Augustinus Kirche in Neu-Listernohl eine Besonderheit. Für einen Sakralbau ist dies eine seltene und bemerkenswerte Wahl. In der Regel werden alte Kirchen entweder nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten saniert und restauriert oder sie entstehen, wenn dies nicht möglich oder sinnvoll ist, als Sichtbetonbau komplett neu. Mit ihrem Ansatz für Neu-Listernohl zeigen Deen Architekten, dass auch ein unkonventionelles Vorgehen und ein ungewohnter Anblick den Ansprüchen an einen Sakralbau gerecht werden können.

Guido Wollenberg
Bildrechte: Paul Kozlowski