Der Missouri Botanical Garden in St. Louis ist eine der ältesten Parkanlagen in den USA und unterhält gleichzeitig einen renommierten botanischen Forschungsbereich. Die Parkanlage hat mit dem Jack C. Taylor Visitor Center einen komplett neuen Zugangsbereich erhalten. Das Vorgängergebäude war dem stetig wachsenden Besucherandrang nicht mehr gewachsen. Sowohl der Umgang mit den vielen Gästen als auch der gestalterische Anspruch erforderten einen neuen Ansatz. Der Park beauftragte das Architekturbüro Ayers Saint Gross, einen Entwurf zu schaffen und umzusetzen, der der Bedeutung des botanischen Gartens gerecht wird.
Ayers Saint Gross setzen bei diesem Projekt den Parkgedanken an die erste Stelle. Schon bei der Ankunft im Besucherzentrum soll das Gefühl entstehen, mitten im botanischen Garten angekommen zu sein. Damit das Naturerlebnis der Besucherinnen und Besucher so schnell wie möglich beginnt, integriert und imitiert die Architektur viele natürliche Elemente und bereitet die Bühne für den Übergang ins Grüne.
Zentrale Verteilerstelle
Das Besucherzentrum ist ein aus mehreren Sektionen bestehendes Gebäudeensemble mit einem L-förmigen Grundriss. Das visuelle Zentrum des rund 8.700 m² großen Komplexes bildet die zentrale Eingangshalle. Ihre verglasten oberen Stockwerke überragen alle anderen Gebäudebereiche. Von diesem Foyer aus gelangen die Besucher sowohl in den Park als auch in die anderen Gebäudeteile, die verschiedenste Funktionen erfüllen. Selbstverständlich gibt es hier ein Restaurant samt Café und Außengastronomie sowie einen kleinen Shop. Doch das Besucherzentrum beherbergt auch ein Auditorium, ein Veranstaltungszentrum und zusätzliche Unterrichtsräume für Bildungsangebote. Gleichzeitig beansprucht auch die Botanik ihren Platz, denn ein Gewächshaus ist ebenfalls Teil des Gebäudes.

Waldspaziergang im Foyer
An der nördlichen Außenfassade des Besucherzentrums vermittelt Natursteinmauerwerk, das links und rechts neben dem großzügig gestalteten Eingang platziert wurde, eine gewisse Geschlossenheit. Doch im Inneren wandelt und öffnet sich das Bild. Eine komplett verglaste Fassade gibt einen weitläufigen Blick nach Süden in den botanischen Garten frei. Das Innere zeichnet sich durch eine offene und helle Atmosphäre mit viel Tageslicht aus. Der gesamte Eingangsbereich wird durch ein als „Laterne“ bezeichnetes Gestaltungselement bestimmt, das wie ein durchscheinendes Gewebe über dem Foyer zu schweben scheint. Es bildet eine zweite Schicht innerhalb des verglasten oberen Gebäudeteils. Obwohl die Konstruktion fast schwerelos wirkt, setzt sie sich aus rund 80 Paneelen zusammen, die aus einem dünnen, perforierten Metallblech bestehen. Das Gewebe folgt einem biophilen Ansatz und soll die Lichtstimmung wiedergeben, wie sie bei einem Spaziergang unter einem Baumdach entsteht. Die Perforierung ist so gestaltet, dass die Besuchenden beim Blick nach oben das Gefühl bekommen, auf den Schattenwurf von Stämmen, Ästen und Blättern zu schauen. Gleichzeitig wiederholt sich dieses Schattenspiel durch einfallendes Licht noch einmal auf dem Boden. Die Vorlage für das Design der Perforierung bilden alte Ginko-Baumbestände aus dem angrenzenden Park. Blickt man im Dunkeln von außen auf das beleuchtete Foyer, treten die Strukturen in den Hintergrund. Stattdessen vermittelt die Konstruktion den Eindruck, als erstrahle eine riesige Laterne innerhalb des verglasten Gebäudekörpers.

Von Grund auf biophil
Die intensive Auseinandersetzung mit dem Sonnenlicht und dem Schattenwurf der Pflanzen des Parks ist nur ein Ausdruck des biophilen Designansatzes, der die Grundlage für viele Entscheidungen des Architekturbüros Ayers Saint Gross bildete. So wurden an vielen Stellen Elemente der Natur in die Gestaltung des Gebäudes integriert. Dies ging weit über die Einbeziehung der äußeren Gartenwelt durch Sichtachsen und bodentiefe Fenster hinaus. So wurden beispielsweise in die Terrazzoböden handgefertigte Intarsien aus lokalen Flusskieseln sowie Messingakzente in Blattform eingearbeitet. Viele Einrichtungselemente bestehen aus Pflanzen oder Steinen oder bilden diese nach.
Barrierefrei in vieler Hinsicht
Sämtliche Bereiche und Angebote im Gebäude sind für alle Besucherinnen und Besucher zugänglich. Sie befinden sich auf einer Ebene ohne Stufen oder Aufzüge. So sind nicht nur die Toiletten sowie die Service- und Kassentheken barrierefrei gestaltet, sondern es gibt auch integrierte Hörhilfen, eine sensorisch angenehme Beleuchtung im gesamten Gebäude sowie private Bereiche für Erwachsene mit Pflegebedarf.

Garten mit Mission
Auch im Hinblick auf die Nachhaltigkeit des Gebäudes zeigt sich das biophile Design. Es verfolgt einen Gestaltungsansatz, der Ressourcen schont und den CO2-Ausstoß reduziert. Auf dem Dach findet sich eine Photovoltaik-Anlage, die fast ein Drittel des Energiebedarfs des Besucherzentrums abdeckt. Das Regenwassermanagementsystem leitet das Wasser in große Zisternen unter dem Gebäude. Diese besitzen ein Fassungsvermögen von rund 190.000 Litern. Viele Designentscheidungen hinsichtlich der Beschattung sowie einer natürlichen Belüftung und Klimatisierung wurden mit Blick auf die angestrebte LEED-Gold-Zertifizierung getroffen. Nicht zuletzt dienen diese Maßnahmen auch dazu, die Mission des Gartens zu unterstützen: Er soll ein Bewusstsein dafür schaffen, welche Bedeutung die Natur für unser Leben hat.

Zink gibt die Richtung an
An den Außen- und Innenfassaden des Jack C. Taylor Visitor Center wurden rund 1.900 m² QUARTZ-ZINC als VMZINC-Steckfalzpaneele verlegt. Auch diese Wahl erfolgte ganz im Sinne des biophilen Designs. Wandflächen aus der samtgrauen Oberfläche leiten die Gäste vom Eingang durch das Besucherzentrum bis in den Garten hinein. Der Farbton von QUARTZ-ZINC soll sie an Natursteine erinnern.
Im Kontakt mit der Natur
Wie viele andere Komponenten und Materialien – beispielsweise Granit oder Kalkstein – trägt auch das Zink dazu bei, mit der Natur der historischen Gartenanlage in einen Dialog zu treten. In Form von Wandpaneelen sorgt es für natürliche Farbtöne und Strukturen. Die vom Unternehmen IWR North America sehr sauber verarbeiteten VMZINC-Steckfalzpaneele tragen hier zum ruhigen und hochwertigen Gebäudeeindruck im Inneren bei. Doch auch an den opaken Bereichen der Außenfassade kommt das Material zum Einsatz. Neben dem gestalterischen Aspekt hat sich QUARTZ-ZINC als besonders nachhaltiges Material für den Einsatz in St. Louis empfohlen. Die Natürlichkeit, Recyclingfähigkeit und Langlebigkeit der VMZINC-Oberflächen passen perfekt zur biophilen Grundidee, die das gesamte Projekt angetrieben hat.

Bereit für eine Million Gäste
Das Jack C. Taylor Visitor Center ist nach dem aus St. Louis stammenden Gründer eines großen amerikanischen Autovermieters benannt. Der mittlerweile verstorbene Multimillionär verwendete einen Teil seines umfangreichen Vermögens für philanthropische Zwecke. So auch für den botanischen Garten in seiner Heimatstadt. Erstaunlicherweise geht der Name des Unternehmens, auf dem sich Taylors Reichtum gründete, auf einen Flugzeugträger zurück. Taylor startete als Pilot im Zweiten Weltkrieg seine Flüge von der „USS Enterprise“. Dies inspirierte ihn, seine Autovermietung „Enterprise Rent-A-Car“ zu nennen.
Mit dem nach ihm benannten Besucherzentrum soll der botanische Garten von St. Louis fit für die Zukunft werden. Rund eine Million Gäste besuchen den Park jährlich und mit dem neuen Bauwerk ist er für den Ansturm gut gerüstet. Den Gästen bietet sich die Möglichkeit, Pflanzen aus aller Welt in Augenschein zu nehmen. Gleichzeitig wird das neue Besucherzentrum auch dem Anspruch und der Bedeutung der botanischen Forschung des Missouri Botanical Garden gerecht. Der Park besitzt mit seinem Herbarium eine der größten Pflanzensammlungen weltweit und betreibt anhand der Exponate umfangreiche Forschungen.

Guido Wollenberg
Bildrechte: Casey Dunn