Das Wohnungsbauprojekt Spanjoletten im Göteborger Stadtviertel Kipplan widmet sich einer Neuinterpretation der Backsteinarchitektur des 19. Jahrhunderts. Es zitiert die facettenreichen Bauwerke des nahegelegenen Hafenviertels und ist tief in der Industriegeschichte des Quartiers verwurzelt. Als Teil eines größeren Erschließungsvorhabens befindet es sich auf dem Gelände der ehemaligen Beschlägefabrik „Fixfabriken“. Das Hauptgebäude der Fabrik blieb erhalten und beherbergt heute Wohnungen und ein Restaurant. Um dieses Gebäude gruppiert sich nun ein Ensemble aus mehreren neuen Bauwerken unterschiedlicher Höhe.
Verschlusssache
Die Backsteinarchitektur der ehemaligen Fabrik hat das Projekt maßgeblich geprägt, doch auch der Projektname „Spanjoletten“ bildet einen historischen Bezug. Er leitet sich von einem klassischen Beschlag zum Verschluss von Fenstern und Türen ab, den die Fixfabriken über 70 Jahre an diesem Standort hergestellt hat. Ins Deutsche lässt sich dies als Espagnolettenverschluss übersetzen. In der Regel bezeichnet dies einen Verschluss, bei dem über einen Drehhebel am Fensterrahmen eine Stange verschoben wird, die das Fenster oben und unten gleichzeitig verriegelt.

Historische Identität im modernen Gewand
Eine Besonderheit des genossenschaftlich organisierten Wohnungsbauprojekts ist, dass es die Sanierung historischer Bausubstanz und die Wiederverwendung historischer Baustoffe mit einem nachhaltigen, zeitgenössischen Baustil verknüpft. Es stellt sich der Aufgabe, modernen Wohnraum zu schaffen, der zeitgemäßen Standards entspricht und gleichzeitig die Seele und die historische Identität des Standorts bewahrt.
Ein zweites Leben für das Ziegelmauerwerk
Die ursprünglich verbauten Ziegel wurden beim Rückbau der alten Gebäude behutsam abgetragen, sorgfältig geprüft und dann, soweit möglich, wieder eingebaut. Dieses Vorgehen bewahrte einerseits die historische Ästhetik der Gebäude und reduzierte andererseits den CO₂-Fußabdruck deutlich, da der zur Herstellung von neuem Ziegelmauerwerk erforderliche, energieintensive Brennprozess nicht auf die Gesamtbilanz einzahlt. Gleichzeitig ist dies ein Schritt hin auf dem Weg zu einer stärker kreislauforientierten Bauweise. Auch andere Komponenten, wie Eichenholztüren, Holzelemente, Kalksteinböden, Geländer oder Dachgesimse, wurden dem Bestand entnommen, aufbereitet und wieder eingebaut. Die Nachhaltigkeit von Spanjoletten zeigt sich auch in der Verwendung von entsprechenden neuen Baustoffen sowie in der Einbindung von regenerativen Energien über Photovoltaikanlagen und Ladestationen für Elektrofahrzeuge.

Raumgestaltung im großen Maßstab
Das vom Architekturbüro Olsson Lyckefors Arkitektur entworfene Ensemble hebt sich von vergleichbaren Projekten in der Nachbarschaft auch durch eine besondere Gestaltung des Ziegelmauerwerks ab. Die unterschiedlichen Gebäudehöhen und die massiven, fensterlosen Giebel schaffen städtische Räume, die laut Olsson Lyckefors Arkitektur fast wie große Innenräume erscheinen. Um diesen Eindruck zu unterstreichen, ließ das Architekturbüro auf einigen Fassaden und den meisten Giebelflächen deutlich sichtbare Muster anlegen. Diese Ziegelmuster stellen eine Art von Tapete für die übergroßen „Innenräume“ dar und entstehen durch helle Ziegeleinlagen im dunkel-rötlichen Grundton. Die helle Farbwahl wird auch in den Laibungen der Fenster und Balkontüren wieder aufgegriffen. Der Wechsel zwischen dunkel-rötlichen und hell-gelblichen Ziegeln hebt das Gebäudeensemble aus seinem Umfeld aus Backsteinarchitektur heraus und verleiht ihm einen eigenständigen Charakter.
Wohnungen für unterschiedliche Anforderungen
Die genossenschaftliche Wohnanlage besteht aus mehreren Gebäudebereichen mit Höhen zwischen zwei und dreizehn Geschossen. Diese werden über fünf Treppenhäuser erschlossen und beherbergen über 141 Wohneinheiten in unterschiedlichen Größen von kleineren Studios mit 26 m² Wohnfläche über Maisonette-Wohnungen bis hin zu Penthäusern und großzügigen Apartments mit 158 m². Ein Teil der Wohnungen befindet sich in dem erhaltenen „Fixhuset“ („Fix-Haus“), das ursprünglich als Bürogebäude der Fixfabriken diente. Der Wohnkomplex verfügt auch über Gemeinschaftsbereiche für genossenschaftliche Nutzungen. Eine Waschküche, eine Dachterrasse sowie ein Gemeinschaftsraum und der Innenhof stehen allen Bewohnerinnen und Bewohnern offen.

Harmonisches Miteinander von Zink und Ziegel
Als Ergänzung zum Ziegelmauerwerk entschieden sich Olsson Lyckefors Arkitektur dafür, die vielen Steildächer des Gebäudeensembles mit VMZINC in PIGMENTO braun einzudecken. Insgesamt wurden hier über 3.600 m² der vorbewitterten Oberfläche in Stehfalztechnik durch den in Göteborg ansässigen Betrieb Apells Plåtslageri verlegt. Dass die braune PIGMENTO-Variante gut zu dem rötlichen Ziegelmauerwerk passt, belegt auch die im gleichen Material ausgeführte Dachentwässerung. Besonders die langen Fallrohre, die an den vielstöckigen Fassaden nach unten führen, betonen hier ein harmonisches Miteinander von Zink und Ziegel. Auf dem Erschließungsgebiet finden sich noch einige andere Wohnungsbauprojekte in ähnlicher und etwas kleinerer Größenordnung. Überall bestimmt Ziegelmauerwerk in verschiedenen Farbtönen das Bild, doch das Projekt Spanjoletten sticht mit seinen tapetenartig gestalteten Fassaden und den braunen Zinkdächern deutlich hervor.

Vorbildlich in Sachen Nachhaltigkeit und Architektur
Spanjoletten verfügt über eine Zertifizierung nach Miljöbyggnad Silver („Umweltgebäude Silber“), die das Engagement des Projekts für Nachhaltigkeit unterstreicht. Schwedens führende Zertifizierung für nachhaltige Neubauten und Sanierungen stellt strenge Anforderungen an den Energieverbrauch, ein gesundes Innenraumklima und die Auswahl hochwertiger Materialien. Die weitläufigen Dachflächen in der VMZINC-Oberfläche PIGMENTO passen hier mit ihrer Langlebigkeit, Wartungsfreiheit und den guten Recyclingeigenschaften gut ins Bild.
Im Jahr 2025 erhielt das Gebäude eine lokale Auszeichnung als bestes Gebäude der Stadt Göteborg. Die Auszeichnung wird jährlich von einem privat zu diesem Zweck gestifteten Fonds vergeben und soll Gebäude belohnen, die sowohl ästhetische als auch praktische Anforderungen in besonderer Weise erfüllen. Das Projekt Spanjoletten prägt das umliegende Viertel und hat die Entwicklung weiterer Wohnbauten mit Ziegelmauerwerk und hochwertigen Details angeregt. Das Bauwerk verknüpft die Vergangenheit und die Zukunft des gesamten Stadtteils auf harmonische Weise miteinander. Dabei sind unter Einhaltung denkmalpflegerischer Vorgaben moderne Wohnungen entstanden, welche den ursprünglichen Charakter des Standorts bewahren.

Guido Wollenberg
Bildrechte: Bosse Lind