Vielen Norwegenreisenden ist der Käse aus der Tube sicher noch gut in Erinnerung. Auch in Reiseführern über das Land der Fjorde wird diese etwas kurios anmutende kulinarische Eigenheit gerne erwähnt. Herstellungsort der Tubenspeise war lange Zeit eine Fabrik in der Hafenstadt Bergen im Stadtviertel Damsgård. Das Fabrikgebäude wurde von Jens Bull entworfen und im Jahr 1913 erbaut. In den Jahren 1933 und 1934 übernahm die Firma Kavli die Produktionsstätte und verlegte ihren Sitz an den neuen Standort. Von nun an wurden hier nicht nur der Käse aus der Tube, sondern auch Primula, der erste haltbare Schmelzkäse, hergestellt. Die käsigen Innovationen wurden fortan in viele andere Länder exportiert. Erst 1984 wanderte die Produktion weiter an einen anderen Ort. Seither wurde das Gebäude an verschiedene Unternehmen vermietet.
Geschichtsbewusster Erneuerungsprozess
In den letzten Jahren wurde die alte Fabrik unter dem Namen Fabrikken 59 zu einem modernen Wohn- und Bürogebäude um- und ausgebaut. Der Name verknüpft die Geschichte mit der Hausnummer des Gebäudes am Damgårdsveien 59, nur wenige Meter vom Ufer des Puddefjord entfernt gelegen. Im Zuge der Restaurierung wurde die alte Fabrik zunächst bis auf die tragende Struktur zurückgebaut und erhielt dann unter anderem neue Fenster und eine neue Außendämmung, auch die gesamte Haustechnik wurde komplett erneuert. Das Architekturbüro Vill Arkitektur aus Bergen verfolgte dabei den Ansatz, das ursprüngliche Erscheinungsbild des Gebäudes weitgehend zu erhalten, um so der industriell geprägten Geschichte von Damsgård gerecht zu werden. Wichtige Elemente der Gebäudearchitektur aus Stahlbeton sowie Wandbereiche aus Ziegel wurden in das erneuerte Gebäude übernommen. Das Bauwerk hat einen L-förmigen Grundriss mit einer leicht gekrümmten Längsseite zur Straße auf der Landseite hin.

Identitätsverlust
Seit Anfang der 2000er Jahre hat der Standort eine einschneidende Veränderung durchlaufen. Ein Großteil der traditionellen Industrieflächen, Werften und Hafenanlagen wurde zugunsten von Wohngebäuden und modernen Gewerbebetrieben abgerissen. Heute vermitteln nur noch wenige erhalten gebliebene Gebäude ein Bild der industriellen Vorgeschichte. Dadurch hat das Viertel einen Teil seiner historischen Identität verloren.

Rettungseinsatz für die Industriekultur
Die Kavli-Fabrik war eines der letzten verbliebenen Zeugnisse dieser Zeit. Als Fabrikken 59 bewahrt sie nun das alte Antlitz und erinnert an Bergens Geschichte als industriell geprägte Hafenstadt. Dabei wurde das historische Erscheinungsbild des Gebäudes in den unteren drei Geschossen so weit wie möglich bewahrt, insbesondere die alte Hauptfassade zum angrenzenden Platz Fløtmannsplassen schafft mit einem wiederhergestellten Eingangsbereich einen Dialog zwischen der alten Industriekultur und dem modern gestalteten öffentlichen Raum. In den unteren Etagen befinden sich Büroflächen für Betriebe aus verschiedenen kreativen Branchen, im Erdgeschoss ist zudem die Filiale einer Bäckereikette mit integriertem Café untergebracht.
Gehobenes Wohnen
Das Bauwerk wurde jedoch um zwei weitere Etagen aufgestockt. Sie stellen 17 gehoben ausgestattete Wohnungen im Penthouse-Stil mit Größen zwischen 37 und 153 m² bereit. Alle Wohnungen verfügen über einen Balkon und einen eigenen, abgegrenzten Bereich auf der Dachterrasse. Der neue Wohnbereich besitzt eine tragende Struktur aus Ortbetondecken, Stahlstützen und einigen Stahlträgern. Alle fünf Geschosse zusammen bieten eine Gesamtfläche von rund 4.600 m². Die Beheizung erfolgt über Fernwärme und sowohl der Wohn- als auch der Gewerbebereich profitieren von einer Belüftung mit Wärmerückgewinnung.

Unterschiede geben den Ton an
Die Aufstockung hebt sich in Farbe und Material deutlich von den mit einem weißen Kalkmörtel verputzten Außenwänden der unteren Stockwerke ab. Auch die Fenster der beiden Bereiche unterscheiden sich. Unten finden sich Varianten, die durch ihre kleinteilige Rahmung an die alte Fabrik erinnern, während im oberen Bereich auf moderner wirkende Fenster mit weniger Aufteilungen zurückgegriffen wird. Das auffälligste Gestaltungselement der Aufstockung sind jedoch die VMZINC Sinus Profile, welche die Fassade der oberen Bereiche bekleiden.
Sonderfarbe für die oberen Stockwerke
Die charakteristische Wellenform der Sinus Profile lässt das industrielle Erbe wieder aufleben und verknüpft es gleichzeitig mit einem moderneren Erscheinungsbild. Entscheidend für den Gesamteindruck ist die Wahl der Oberfläche PIGMENTO in der Sonderfarbe Gelb. Dabei verbindet PIGMENTO diese nicht alltägliche Farbe mit der natürlichen Textur vorbewitterten Zinks. So spiegelt das Gebäude konsequent den Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart wider. Bis auf die Fenster und die Balkonbereiche ist die gesamte Fassadenfläche der Aufstockung von rund 1.100 m² mit der vorbewitterten gelben Zinkoberfläche bekleidet.

Mit Wellen ans Wasser gebaut
Die Vorteile einer Zinkfassade aus Sinus Profilen überzeugten Vill Arkitektur, das System für das Projekt einzusetzen. Sinus Profile zeichnen sich nicht nur durch eine schnelle und einfache Installation aus. Der wellenförmige Profilverlauf verleiht der Fassade auch Tiefe und Dynamik. Mit dem Lauf der Sonne wandelt sich die Oberfläche und folgt einem natürlichen Wechsel von Licht und Schatten. Zudem lassen sich die Sinus Profile so miteinander verbinden, dass ein nahezu fugenloses Erscheinungsbild entsteht. So gewinnen auch große Fassadenflächen an Leichtigkeit. Bei Fabrikken 59 überträgt sich diese Leichtigkeit auf das gesamte Gebäude, welches sich mit seinen beiden farblich und strukturell unterschiedlichen Bereichen recht gewandt in sein Umfeld zwischen Wasser und Stadt einfügt.

Beliebtes Zeitzeugnis
Die Wohnungen in Fabrikken 59 gehören zu den beliebtesten Projekten des Bauträgers: Fast 3.000 Menschen hatten schon im Vorfeld ihr Interesse bekundet und 16 der 17 Wohnungen waren innerhalb von 14 Tagen nach Verkaufsstart vergeben. Insgesamt wäre es für den Bauträger günstiger gewesen, das bestehende Fabrikgebäude abzureißen und komplett neu zu bauen. Im Sinne einer bauhistorischen und ökologischen Nachhaltigkeit entschied man sich jedoch, die vorhandenen Strukturen und Baumaterialien zu nutzen. Unterstützt wurde dieser Schritt nicht zuletzt durch eine umfangreiche Berichterstattung in den lokalen Medien und die Unterstützung mehrerer Stadträte, die sich für den Erhalt eines der letzten Fabrikgebäude in Damsgården aussprachen. Vill Arkitektur haben die Interessen der Beteiligten in ein stimmiges Konzept überführt und dazu beigetragen, dass die Geschichte des Standorts auch weiterhin sichtbar bleibt.

Guido Wollenberg
Bildrechte: Arkitekturfoto Norge