Historische Gutshäuser und Stallungen stehen nicht nur in Deutschland häufig unter Denkmalschutz. In der Regel ist dann für eine Umwandlung in modernen Wohnraum ein enger Rahmen vorgegeben. Deutlich mehr Freiheiten hatte das Architekturbüro CDC Studio bei einem Projekt in Bartlow, das mit einer alten Scheune begann. In dem kleinen Ort südwestlich von Cambridge bekam das Team von einem pensionierten Ehepaar den Auftrag, ein Gebäude zu entwerfen, das diesem als Altersruhesitz dienen sollte. Allerdings brachten die beiden ihre ganz eigenen Vorstellungen mit. Einerseits wollten sie sich zu zweit in dem Haus nicht verloren fühlen, andererseits sollte das Gebäude die Möglichkeit bieten, die restliche Familie bei längeren Besuchen zu beherbergen oder andere Dorfbewohner zu größeren Festen einzuladen. Denn das kleine englische Dorf, das schon im Jahr 1967 vom Schienenverkehr abgeschnitten wurde, hat außer einem Pub wenig Infrastruktur für seine Bewohner zu bieten.

Giebel mit Weitblick
Neben diesen Parametern zur geplanten Nutzung berücksichtigten CDC Studio auch die Einbindung in die ländliche Umgebung und den Charakter des Dorfbildes. Dieses ist von traditionellen Häusern und Landgütern geprägt, die zumeist aus Ziegelsteinen errichtet und zum Großteil unverputzt belassen wurden. Eine Besonderheit sind die Mauern an einigen Grundstücksgrenzen, die eine Front aus bearbeitetem Feuerstein besitzen. Nach diesen Vorgaben haben CDC Studio einen Entwurf entwickelt, den sie „Gables“ getauft haben – die „Giebel“. Der Name betont ein markantes architektonisches Detail: große, vollständig verglaste Giebelseiten mit Blick auf eine offene Wiesenlandschaft.
Am Anfang steht ein Wiederaufbau
CDC Studio haben den Wunsch nach einem Haus für zwei Personen mit viel Luft nach oben auf besondere Weise umgesetzt. Den Anfang machte eine alte Scheune, die sich auf der straßenabgewandten Seite des Grundstücks befand. Aus Holz gebaut und mit Schilf gedeckt, war sie ehemals in vier kleine Ställe unterteilt. Der schlechte bauliche Zustand erforderte zwar ihren Abriss, doch sie bildete den Ausgangspunkt für den Entwurf von „Gables“. CDC bauten die Scheune neu wieder auf und integrierten sie auf gelungene Weise in ein komplett neues Gebäude.

Für die Familie bleibt die Scheune
Das Erscheinungsbild der wiedererstandenen Scheune wurde dem Vorgängerbau angeglichen und erhielt sogar ein aufwendiges Reetdach. Das zuvor genutzte Wasserschilf wurde jedoch durch das für die Region typischere Langstroh ersetzt. Die Wände bestehen nun aus dunklem Holz mit einem Sockel aus rötlichen Backsteinen. Auch die Türen und Fensteröffnungen sind dunkel gehalten oder zumindest dunkel abgeschottet. Dieses eher geschlossene Gebäude beherbergt die Gästezimmer, die für Familienbesuche bereitstehen. Die neue Scheune ist innen bis zum Dachfirst offen. So reichen die Räume über die gesamte Höhe und wirken trotz ihrer bescheidenen Dimensionen nicht allzu beengt.
Rücksicht auf die alten Sichtlinien
Der gesamte Gebäudekomplex ist so angelegt, dass der Blick von der vorbeiführenden Straße auf das Scheunengebäude mit seinem traditionell gehaltenen Reetdach erhalten bleibt. Gleichzeitig sollte auch die Sicht von der Straße auf ein im Hintergrund liegendes altes Gutshaus gewahrt bleiben. Als Ergebnis ist ein flacher, eher in die Breite als in die Länge führender Baukörper entstanden.

Fächerförmige Ausdehnung
Ein separater Raum samt eigenem Ankleidebereich und Bad verbindet die Scheune mit dem eigentlichen Wohnhaus. Dieses schließt sich nahtlos an die Scheune an, beruht jedoch auf einer komplett neuen, modernen Struktur mit ganz eigenem Charakter. Durch markant gestaffelte Dächer erweckt es zunächst den Anschein, als bestehe es aus mehreren Volumen, die sich fächerförmig in Richtung Garten ausdehnen und dort in offenen Giebelseiten enden. Die rund 200 m² große Wohnfläche im Gebäude spiegelt eine solche Aufteilung in einzelne Volumen jedoch nicht wider. Sie ist weitgehend offen gehalten mit einem großen Wohnraum und angegliederter Küche im Zentrum. Der Blick in die Dachfirste bleibt jedoch frei, wodurch der fächerförmige Eindruck der Dachflächen weiterhin erlebbar ist. Weitere Räume im Gebäude sind durch Betonwände vom zentralen Wohn- und Essbereich abgetrennt. Über dem Erdgeschoss schwebt offen an einer Seite ein kleines, stützenfreies Zwischengeschoss, das an Stahlstangen aufgehängt ist und über eine versteckt angelegte Treppe erschlossen wird.

Die Ästhetik des ländlichen Umfelds
Bei der Wahl der Außenmaterialien ließen sich CDC Studio besonders von regionalen Eigenheiten und den umliegenden Gebäuden im Dorf Bartlow inspirieren. Die Bekleidung der Dächer und der zur Straße gewandten Fassadenseite besteht aus dunklem, vorbewittertem ANTHRA-ZINC. Das spielt auf die Ästhetik der landwirtschaftlichen Gebäude an, die häufig mit Metall bekleidet oder aus dunklem Holz gebaut sind. Auch die roten Backsteine im Sockelbereich der alten Scheune und die in den Wandbereichen neben der Eingangstür eingelassenen geschliffenen Feuersteine sind Elemente, die sich an anderen Häusern und Einfriedungen des Dorfes wiederfinden.

Aufeinandertreffen von Holz und Zink
Alle Innenräume im Haupthaus sind mit einem hellen Weißtannenholz versehen, das eigens aus Österreich importiert wurde. Es wurde für Decken, Wände, die Treppe und den Boden im Zwischengeschoss verwendet. Das Holz hat eine warme, honigfarbene Oberfläche, die besonders im Kontrast zum dunklen ANTHRA-ZINC des Außenbereichs gut zur Geltung kommt. Dieser Kontrast entfaltet seine volle Wirkung durch die großzügig und vollständig verglasten Giebelseiten. Die Dächer reichen etwa zwei Meter über diese Glasfront hinaus. Das Weißtannenholz erstreckt sich vom Wohnraum bis in den Außenbereich, so dass Holz und Zink hier direkt aufeinandertreffen. Eine besondere Atmosphäre entsteht mit Einbruch der Dämmerung, wenn das Holz durch die Beleuchtung an Wärme gewinnt und unvermittelt in das dunkle Zink übergeht.

Stehfalz für Dach und Fassade
Im Gegensatz zum Wiederaufbau der Scheune, die auf einer Holzkonstruktion ruht, wird der neue Bereich von Stützmauern aus Beton und einer Stahlkonstruktion getragen. Das ANTHRA-ZINC an Dach und Fassade ist abgesehen von kleinen Bereichen an den Frontseiten der Giebel in Stehfalztechnik ausgeführt. Insgesamt wurden auf diese Weise rund 350 m² VMZINC verarbeitet.
Durchdachte Details
Die handwerkliche Umsetzung des Gebäudes erreicht einen hohen Standard, was insbesondere angesichts der zahlreichen Übergänge sowie der unterschiedlichen Materialien bemerkenswert ist. Energetisch wurde das Gebäude mit einer Luftwärmepumpe und einer Photovoltaikanlage ausgestattet. Gleichzeitig bietet die verlängerte Dachlinie an den Giebelseiten einen Sonnenschutz, der zusammen mit einer passenden Positionierung der Oberlichter eine Überhitzung im Hochsommer verhindern soll.
Alle Anforderungen im Einklang
CDC Studio haben mit „Gables“ ein Gebäude geschaffen, das auf den ersten Blick ungewöhnlich und vielleicht sogar etwas fragmentiert wirkt. Es ist ihnen jedoch gelungen, die Anforderungen der Bauherren, die wieder aufgebaute Scheune und die bestehenden Sichtlinien auf eine stimmige Weise in Einklang zu bringen.

Guido Wollenberg
Bildrechte: Hufton+Crow