Kaum jemand würde beim Anblick des zweigeschossigen Gebäudes in der britischen Küstenstadt Southampton vermuten, dass sich hinter dem freundlichen Antlitz die humanere Version einer Justizvollzugsanstalt verbirgt. Das Gebäude fügt sich fast nahtlos in das viktorianisch geprägte Umfeld ein, doch das helle Ziegelmauerwerk und die grünen Zinkdächer weisen darauf hin, dass es sich um einen kompletten Neubau handelt. In der Straßenansicht präsentiert es sich wie ein Ensemble aus drei Einfamilienhäusern. Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, dass die einzelnen Baukörper miteinander verbunden sind.

Ausweg mit Hoffnung
Das Hope Street getaufte Gebäude wurde von Snug Architects entworfen. Es ist ein Pilotprojekt der Wohltätigkeitsorganisation One Small Thing, das einen fortschrittlichen Ansatz für die Unterbringung von straffällig gewordenen Frauen verfolgt. Als Kandidatinnen kommen nur Frauen in Frage, die für gewaltfreie Vergehen verurteilt wurden. Wenn die Richterinnen und Richter Auflagen verhängen, die die Frauen ohne Gefängnisaufenthalt erfüllen können, müssen die Behörden dafür sorgen, dass diese Strafen an einem sicheren Ort abgebüßt werden. Ein Zuhause mit einem gewalttätigen Partner oder eine Wohngemeinschaft, in der regelmäßig Drogen konsumiert werden, sind dafür nicht geeignet. Doch wenn es keinen anderen sicheren Ort gibt, bleibt bisher oft ein Aufenthalt im Gefängnis der einzige Ausweg. Hope Street zeigt eine andere Möglichkeit.

Alternative zur Pflegefamilie
Ein besonderes Augenmerk wird auf Frauen mit Kindern gelegt. Denn oft werden die Kinder in Pflegefamilien untergebracht, während die Mütter ihre Zeit im Gefängnis verbringen. In der Hope Street haben die Mütter jedoch die Möglichkeit, ihre Kinder mit in die Einrichtung zu bringen, während sie ihre Strafe verbüßen. Durch eine fürsorgliche Umgebung soll gleichzeitig den Kindern geholfen und die Wahrscheinlichkeit verringert werden, dass die Frauen rückfällig werden.
Ort des Vertrauens
Besonders bei Frauen geht eine Straffälligkeit häufig mit erlittenen Traumata einher. Snug Architects haben deshalb einem traumasensiblen Design (engl. Trauma-Informed Design) viel Aufmerksamkeit gewidmet. In Gesprächen mit Justizangestellten und zukünftigen Bewohnerinnen versuchten sie herauszufinden, welche baulichen Merkmale erlittene Traumata auslösen könnten und vermieden diese dann bewusst. Typische Gefängnisse vermitteln oft eine Atmosphäre des Misstrauens. Für traumatisierte Menschen gibt es in einer solchen Umgebung viele Trigger, die ihre Traumata und Gewalterfahrungen aktivieren. Deswegen sollte das Hope Street Projekt ein Ort des Vertrauens werden. Schon der erste Eindruck sollte wohnlich und einladend sein, deshalb wurde das Gebäude eher wie ein Zuhause als wie ein Justizgebäude gestaltet. Viel Tageslicht, warme Materialien und begrünte Wände unterstreichen diesen Anspruch.

Kleine Einheiten wider die Angst
Hope Street liegt an einem breiten Boulevard mit altem Baumbestand. Hier finden sich überwiegend großzügige Ein- und Zweifamilienhäuser im viktorianischen Stil. Snug Architects haben ihren Neubau in die Linie der Nachbarhäuser eingegliedert. Das besondere Konzept wirkt sich auch auf die Aufteilung des Raumes aus. Anstatt alle Funktionen in einem einzigen, großen und Angst einflößenden Gebäude unterzubringen, wurden sie auf kleinere Einheiten verteilt. Hope Street besteht aus zwei übersichtlichen Baukörpern. Das eine Einheit bildende Dreier-Ensemble an der Straße beherbergt neben einem Empfangs- und Verwaltungsbereich weitere Räume für das tägliche Zusammenleben und die Therapie. Im hinteren Teil des Grundstücks befindet sich, durch einen Garten getrennt, ein etwas schlichteres Gebäude mit rechteckigem Grundriss und einem Flachdach.

Eintritt mit Würde
Es gibt zwei Eingänge, die von der Straße in das vordere Gebäude führen. Eine größere Doppeltür dient als Haupteingang für Personal und Gäste. Eine kleinere Tür führt zu einem Empfangsraum für die Frauen, die zum ersten Mal in die Einrichtung kommen, eventuell sogar direkt vom Gericht. Hier geht es darum, die Privatsphäre der Frauen zu schützen und ihnen nicht das Gefühl zu vermitteln, abgefertigt oder vorgeführt zu werden.
Gegenentwurf zur Strafanstalt
Im vorderen Gebäude befindet sich ein kleines Café, das auch Gästen zugänglich ist und von den Frauen selbst betrieben wird. Daneben gibt es eine Gemeinschaftsküche, einen Aufenthaltsraum, einen Aktivitätsraum für Sport oder Yoga sowie Beratungs- und Therapieräume. Auch ein Besprechungsraum und ein Büro der Trägerin One Small Thing haben hier Platz gefunden. Die Atmosphäre im Gebäude ist gemütlich, ein Kamin und ein Ofen sorgen für Behaglichkeit. Das rückwärtige Gebäude ähnelt in seiner Anmutung dem vorderen Bereich. Auf zwei Stockwerken finden sich jeweils vier Wohnungen mit bis zu drei Schlafzimmern, einem gemeinsamen Ess- und Wohnbereich sowie einer Küche. Hier können bis zu 24 Frauen und Kinder aufgenommen werden. Alle Innenräume im Vorder- und Hinterhaus sind einladend gestaltet. Die Oberflächen, die Beleuchtung und die Ausstattung besitzen eine angenehme Haptik und heben sich deutlich von der sterilen, auf die Beaufsichtigung und Verwahrung ausgerichteten Einrichtung eines typischen Gefängnisses ab.

Zwanglose Ausstrahlung
Die drei straßenseitigen Hauseinheiten bilden aufgrund von verglasten Verbindungselementen einen zusammenhängendes Ensemble. Auch wenn alle drei Gebäudeteile die gleichen Gestaltungsmerkmale aufweisen und auf die gleiche Materialpalette zurückgreifen, so unterscheiden sie sich doch in der Breite, der Fassadengestaltung und der Dachform. Die Komposition aus hell-beigen Ziegeln, wiederkehrenden Fenstervarianten, und Eichenholzverkleidungen folgt jeweils einem etwas abgewandelten Muster.
Auch die mit der VMZINC-Oberfläche PIGMENTO grün eingedeckten Walmdächer des vorderen Gebäudes unterscheiden sich voneinander. Während das Dach ganz rechts symmetrische Formen aufweist, setzen die anderen beiden Dächer auf eine jeweils unterschiedliche asymmetrische Gestaltung. Mit diesem Ansatz wollen Snug Architects schon von außen das Gefühl vermitteln, dass diese Einrichtung kein autoritäres Umfeld darstellt, sondern einen freundlichen, fast spielerischen Charakter hat und kindliche Ungezwungenheit ausstrahlt. Die grünen PIGMENTO-Dächer und die ebenfalls aus grünem Zink bestehende Dachentwässerung nehmen Bezug auf die gegenüberliegenden Bäume und sind ein äußeres Zeichen für den biophilen Ansatz der Architektur. Dieser zeigt sich auch in der zentralen Lage des Gartens und in der Verwendung natürlicher Materialien im Innen- und Außenbereich.

Grüne Kontrapunkte
Die Dacheindeckung der vorderen Dächer wurde in Stehfalztechnik ausgeführt. Hierfür wurden etwa 200 m² der vorbewitterten VMZINC-Oberfläche PIGMENTO grün verwendet. Den Übergang von der Fassade zum Dach bildet eine niedrige Attika aus dem gleichen Material. Hinter dieser verbirgt sich eine innenliegende, verdeckte Dachentwässerung. Das Regenwasser wird jedoch über deutlich sichtbare Fallrohre abgeleitet, die ebenfalls aus grünem Zink bestehen und einen farblichen Kontrapunkt zu den hellen Ziegelfassaden setzen. Von außen nicht sichtbar ist, dass alle vorderen Gebäude über offene Decken verfügen und ihr Inneres aus Brettsperrholz (engl. CLT/Cross Laminated Timber) bis hinauf zu den Oberlichtern an der Dachspize offenlegen.

Architektur, die heilt
Der sozial nachhaltige Umgang mit den Menschen wird durch bauliche Nachhaltigkeit ergänzt. Das Gebäude legt Wert auf eine gute Wärmedämmung und wird mit einer Luftwärmepumpe beheizt. Gleichzeitig sorgen große Fensterflächen und Oberlichter für viel natürliches Licht in den Räumen und der Einsatz von grauer Energie wurde durch die Verwendung von Brettsperrholz und nicht zuletzt durch den langlebigen und zu 100 Prozent recyclingfähigen Werkstoff Zink reduziert.
Hope Street hat für seinen ungewöhnlichen Ansatz viel Lob und Aufmerksamkeit in den englischen Medien erhalten. Das BREEAM-zertifizierte Projekt wurde im Jahr 2024 unter anderem mit dem RIBA MacEwen Award ausgezeichnet, einem renommierten nationalen Preis für Architektur im Dienste des Gemeinwohls. Die Jury beschrieb das Projekt als „Architektur, die Menschen heilt“. Ob sich dieser Ansatz positiv auf die Rückfallquote und die Wiedereingliederung der verurteilten Frauen auswirkt, muss sich noch zeigen. Der ungewöhnliche und humane Ansatz hätte diesen Erfolg auf jeden Fall verdient. Bei der Planung wurde aber auch eine mögliche Umnutzung, beispielsweise als Frauenhaus oder Entzugsklinik, berücksichtigt.

Guido Wollenberg
Bildrechte: Craig Auckland / Fotohaus