Die öffentlichen Wohnungsämter zählen zu den wichtigsten Säulen des sozialen Wohnungsbaus in Frankreich. Actis ist ein solcher öffentlicher Anbieter von Sozialwohnungen in Grenoble, der größten Stadt im französischen Alpenvorland. Im Flaubert-Viertel von Grenoble ließ Actis nun ein Gebäude mit 56 Sozialwohnungen errichten, das in vielerlei Hinsicht als wegweisend angesehen werden kann.
Vorreiter aus Holz
„Le Haut-Bois“ ist das erste Gebäude in Holztafelbauweise in Frankreich, das in einem Erdbebengebiet mittlerer Gefährdungsstufe liegt und gleichzeitig eine Höhe von neun Stockwerken erreicht. Zudem ist für den sozialen Wohnungsbau in Frankreich ein Holzbau in dieser Höhe etwas Neues. Darüber hinaus ist es auch das erste Gebäude dieser Größe, das aufgrund seiner Doppelstromlüftung als Passivhaus eingestuft wurde. „Passivhaus“ ist ein Label, das auch in Frankreich verwendet wird und einer entsprechenden Zertifizierung nach deutschem Standard folgt.

Nachhaltiges Modell für die Zukunft
Die Klimatisierung des Gebäudes erfolgt vollständig über eine Doppelstromlüftung. Das System steuert die Zu- und die Abluft und gewinnt in der kalten Jahreszeit einen Teil der Wärme aus der Abluft zurück. Die zusätzlich erforderliche Wärme wird aus dem örtlichen Fernwärmenetz bezogen. So kann „Le Haut-Bois“ auf herkömmliche wärmeabstrahlende Elemente wie Heizkörper oder Fußbodenheizungen verzichten. Die gewünschte Temperatur lässt sich per Kopfdruck regeln. Für die Bewohner bedeutet dies einen erheblichen Komfortgewinn, der zudem mit geringeren Heizkosten einhergeht. Das Fernwärmenetz wird gleichzeitig genutzt, um das Brauchwasser zu erwärmen. Auch hier wird ein Teil der benötigten Wärme aus verbrauchtem Grauwasser zurückgewonnen. Le Haut-Bois wurde als Forschungs- und Entwicklungsprojekt geplant und mit einem entsprechenden Budget ausgestattet. Die Anfangsinvestitionen für dieses Projekt sollen helfen, ein nachhaltiges Modell für den zukünftigen sozialen Wohnungsbau zu entwickeln.

Holz übernimmt tragende Rolle
Nach vielen erfolgreichen Projekten mit einer Mischbauweise aus Holz und Beton ging Actis diesmal einen Schritt weiter. Mit „Le Haut-Bois“ wurde erstmals ein nachhaltiges Gebäude für den sozialen Wohnungsbau in Auftrag gegeben, das im Wesentlichen auf einer Holztafelbauweise basiert. Die beiden Architekturbüros ASP Architecture und Atelier 17c Architecture haben aufgrund dieser Vorgabe ein Gebäude entworfen, das aus zwei unterschiedlich hohen Wohnblöcken mit jeweils sechs und neun Geschossen besteht. Diese werden durch ein offenes Treppenhaus verbunden. Lediglich dieses Treppenhaus und das Fundament sind noch aus Beton.
Von Zink umhüllt
Die Außenhülle von Le Haut-Bois setzt dagegen auf Zink statt auf Holz. Sowohl die Fassade als auch das Dach sind mit VMZINC in der Oberflächenqualität AZENGAR bekleidet. Das Zink verbirgt den hölzernen Kern jedoch nicht vollständig, dieser wird rund um die zahlreichen Balkone sichtbar. Farblich fügen sich diese sichtbaren Holzbereiche harmonisch in die Zinkfassade ein und lockern sie auf. Auf der Oberseite des Gebäudes erstrecken sich die Zinkdächer über große ebene Flächen und folgen pultdachartig einer leichten Neigung, welche in dem höheren der beiden Gebäudeteile in einer angedeuteten Spitze ausläuft. So entsteht der Eindruck, auf einen großen Felsen oder eine Bergspitze zu schauen.

Vorgefertigt gegen Erdbeben
Die tragenden Wände von Le Haut-Bois wurden in Holztafelbauweise mit einem hohen Vorfertigungsgrad aus Brettsperrholz (CLT / Cross Laminated Timber) hergestellt. Das Verleimen von mehreren Holzschichten in unterschiedlichen Richtungen sorgt für eine hohe Festigkeit, Stabilität und Tragfähigkeit. Gleichzeitig wird der Rohstoff Holz effizienter genutzt und der Verbrauch dieser wichtigen Ressource reduziert. Die beiden Architektenteams entschieden sich besonders deshalb für CLT, weil es seismische Kräfte sehr gut absorbieren und verteilen kann. Die Dimensionierung der CLT-Tafeln und die seismische Analyse wurden mit Hilfe von diversen Softwarelösungen errechnet. Diese Berechnungen zeigten, dass die Stärke der Elemente in den oberen Stockwerken gefahrlos reduziert werden konnte.
Let’s swing
Die beiden Gebäudeblöcke wurden so mit dem Treppenhaus verbunden, dass sie im Falle eines Erdbebens unabhängig voneinander frei beweglich sind. Dabei kann das mit einer Höhe von fast 30 Metern größere der beiden Gebäude im Extremfall mit einer Amplitude von 40 mm in Schwingung geraten und dadurch Erdbebenstöße aufnehmen und abfedern. Die bei Erdbeben oder starkem Wind auftretenden Kräfte werden über die Wände in die Fundamente abgeleitet und so abgemildert.

Außenhülle aus der Werkstatt
Die Außenhülle, welche auf die Holztafelwände montiert wurde, profitiert ebenfalls von einem hohen Vorfertigungsgrad. Die Elemente sind modular aufgebaut und enthalten alle erforderlichen Schichten. Auch die gravierte Zinkbekleidung samt Unterkonstruktion sowie eine zusätzliche Dämmung und feuerbeständige Gipsfaserplatten waren Teil dieser Vorfertigung. Über einen Zeitraum von drei Monaten wurden diese Elemente in 2.500 Werkstattstunden montiert und dann einbaufertig auf die Baustelle geliefert. Die Bekleidung in der Oberfläche AZENGAR wurde bereits in der Werkstatt in Stehfalzdeckung auf den Elementen verlegt. Die geschosshohen Elemente wurden dann als Ganzes an den Holztafelwänden befestigt.

Kühle Sommer dank Zink
Es gab zwei Hauptgründe, warum die Teams von ASP und Atelier 17c Zink für die Außenhülle wählten. Erstens war das gesamte Projekt auf die Verwendung nachhaltiger Materialien ausgerichtet und Zink erfüllte diesen Anspruch sehr gut: Es hat eine sehr lange Lebensdauer und bleibt über diese Zeit wartungsfrei. So kann es das Gebäude und seine Holzstruktur langfristig vor direkten Witterungseinflüssen schützen. Zudem ist Zink ein natürlicher Werkstoff, der zu 100 Prozent recycelbar ist. Die Wahl fiel aber noch aus einem zweiten Grund auf VMZINC: das hohe Rückstrahlvermögen (Albedo) der sehr hellen Oberfläche AZENGAR. In Grenoble herrschen im Winter weniger kalte Temperaturen als in anderen Teilen Frankreichs. Dafür wird es im Sommer aber deutlich heißer und nachts kühlt es kaum ab. Die sehr helle Oberfläche führt gerade im Sommer dazu, dass ein Teil der eintreffenden Wärme zurückgestrahlt und weniger Wärme in das Innere der Gebäude weitergeleitet wird. So sinkt der Energieaufwand zur Kühlung der Innenräume. Gerade im Sommer trägt Zink dazu bei, dass das Gebäude seine Funktionen im Sinne eines Passivhauses erfüllen kann.

Aufbruch in Richtung Nachhaltigkeit
Das Beispiel Grenoble zeigt, dass sich sozialer Wohnungsbau sehr gut mit einem nachhaltigen Bauen verbinden lässt, ohne dass dabei auf eine anspruchsvolle architektonische Gestaltung verzichtet werden müsste. Ein hoher Vorfertigungsgrad war hier der Schlüssel zum Erfolg. Der Baustoff Holz spielte dabei eine entscheidende Rolle. Für Le Haut-Bois wurden insgesamt 1.500 m³ Holz verarbeitet, ein Teil davon aus der Region und der Rest aus anderen Regionen Frankreichs sowie den alpinen Nachbarländern. In der Kombination mit Zink kann es seine Vorteile voll ausspielen. Die 56 neuen Wohnungen des öffentlichen Anbieters Actis sind ein gelungenes Pilotprojekt für nachhaltige Bauweisen im sozialen Wohnungsbau in Frankreich.

Guido Wollenberg
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