Treppen verbinden nicht nur die Geschosse eines Gebäudes miteinander, sondern stellen im Notfall auch die sichersten Flucht- und Rettungswege aus den oberen Etagen dar. In der Regel werden die zentralen und am besten zugänglichen Treppen eines Gebäudes eigens als Fluchttreppen vorgesehen. Für sie gelten besonders strenge Brandschutzanforderungen, die abhängig von den Eigenschaften und der Funktion des Gebäudes variieren.
Flucht über die Außenseite
Je nach Situation kann ein zweiter Flucht- und Rettungsweg erforderlich sein. Bei mehrgeschossigen oder öffentlichen Gebäuden wird dieser häufig als außenliegender Treppenturm ausgeführt, so auch bei einem Schulgebäude in Hannover-Linden. Das Büro dRei Architekten BDA aus Hannover musste neben dem Brandschutz zudem eine behindertengerechte Erschließung aller Geschosse bei der Planung berücksichtigen. Deshalb erhielt die Integrierte Gesamtschule (IGS) Linden neben dem Fluchttreppenhaus einen zusätzlichen Aufzugsschacht an der Außenseite.
Geschützte Schule
Das repräsentative Hauptgebäude der IGS Linden wurde um das Jahr 1900 errichtet. Die Schule ist ein dreigeschossiger Massivbau im historisierenden Stil. An der Fassade wechselt sich rotes Klinkermauerwerk mit helleren Bereichen ab, die mit Sandstein verkleidet sind. Figuren und Ornamente schmücken die drei Giebel und den Haupteingang. Die Fenster der Obergeschosse sind von kleinen Säulen mit Kapitellen eingefasst. Das Hauptgebäude der Schule steht heute unter Denkmalschutz, für das weniger repräsentative Hinterhaus auf der gegenüberliegenden Seite des Pausenhofes gilt ein Ensembleschutz.

Gute Anbindung
Die Lage des Fluchttreppenhauses und des Aufzugs ergab sich aus den räumlichen Gegebenheiten. Auf der Südseite des Hauptgebäudes erweitert ein später hinzugefügter Anbau die Schule zum Hof hin. Auf dieser Seite gibt es auch eine kleine Freifläche in städtischem Besitz, die bisher als Parkplatz diente. Der Parkplatz konnte verkleinert und die Fläche entsprechend umgewidmet werden. So entstand ausreichend Platz für den Neubau mit den zusätzlichen Fluchtwegen, die an dieser Stelle sowohl vom Hauptgebäude als auch vom Anbau aus gut zu erreichen sind.
Gemeinsam sind sie stark
Treppenhaus und Aufzugsschacht hätten aus der Sicht von dRei Architekten nicht unverkleidet und einzeln neben dem reich verzierten Altbau bestehen können. Deshalb entschied sich das Architekturbüro dazu, die Bauteile mit einer gemeinsamen Hülle zu umgeben. Diese Hülle fasst sie zu einer Einheit zusammen, die sich gleichberechtigt neben dem Altbau behauptet und ihn angemessen ergänzt.

Geschichte und Gegenwart gekonnt vereint
Die Außenhülle, hinter der sich die Erweiterung verbirgt, ist aus perforiertem VMZINC in PIGMENTO rot und damit farblich gut auf das rote Mauerwerk des Schulgebäudes abgestimmt. Dieser Wahl gingen umfangreiche Untersuchungen mit verschiedenen Materialien voraus. Doch nicht nur der rotbraune Farbton überzeugte dRei Architekten Zink einzusetzen. Auch die Materialität von Zink lieferte ein Argument. Die Textur bleibt auf der vorbewitterten Oberfläche weiterhin sichtbar und schafft eine Verbindung zum rauen Klinkermauerwerk. Da der gesamte Ansatz das Historische gekonnt mit dem Modernen verbindet, stimmte auch die Denkmalschutzbehörde dieser Wahl zu.

Perforiertes Fugenbild
Dank der flexiblen Herstellungsmöglichkeiten der Zinkbleche konnte ein weiterer Bezug zum Bestand aufgebaut werden: Die Zinkbleche greifen mit einer eigens für die Schule entwickelten rechteckigen Stanzung das Fugenbild des Mauerwerks auf. Ein Lochanteil von 50 % trägt den statischen Erfordernissen der Außenhülle Rechnung. Zusätzlich wurde die Steifigkeit der 1,0 mm starken, perforierten Zinkbleche durch eine zweiseitige Aufkantung an den Stößen erhöht. Dadurch entsteht ein sichtbarer Falz, welcher der Fassade Struktur verleiht und diese je nach Sonneneinfall mit einem leichten Schattenwurf auflockert.
Keine Löcher für den Aufzug
Der Aufzugsturm ist eine Konstruktion aus Stahl und Stahlbeton und wurde mit einer eigenen Bekleidung in PIGMENTO rot versehen. Die Zinkbleche wurden hier jedoch ohne Lochung verwendet und in Winkelstehfalztechnik verlegt. Dadurch konnte mit einer geringeren Materialstärke gearbeitet werden. Der zinkbekleidete Aufzugsschacht tritt nur im Erdgeschoss und im Dachbereich aus der perforierten Hülle heraus, die Schacht und Treppe umschließt. Ansonsten bleiben seine Konturen je nach Blickwinkel und Lichteinfall mehr oder weniger stark verborgen.

Tag und Nacht setzen unterschiedliche Akzente
Der neue Anbau wirkt tagsüber eher geschlossen, wie ein eigenständiger Baukörper. Treppenhaus und Aufzug sind hinter der Perforierung nur zu erahnen. Nach Einbruch der Dunkelheit, wenn sich die Treppenbeleuchtung einschaltet, wechselt der Anbau jedoch sein Erscheinungsbild. Die Lichter lassen Stufen und Geländer sichtbar und die Zinkhülle fast unsichtbar werden. Mit der Nacht scheint das historische Gebäude mit seinen verspielten Giebeln und Verzierungen wieder den Vortritt zu beanspruchen.

Guido Wollenberg
Bildrechte: Frank Aussieker