Für jeden Anlass die richtige Bekleidung

Der Schriftsteller Charles Dickens ließ seine Romanfigur Oliver Twist auf den Straßen des Londoner Stadtteils Clerkenwell ums Überleben kämpfen. Der fiktive Waisenjunge hatte es nicht leicht, denn Anfang des 19. Jahrhunderts herrschten dort Armut und Verbrechen. Heute hat sich das Bild komplett gewandelt. Clerkenwell ist ein gefragtes Viertel und ein Anziehungspunkt für viele Unternehmen und Agenturen aus der Designbranche. Geblieben ist die Farringdon Road, die schon zu Dickens‘ Zeiten durch das Stadtviertel führte.

Eigenständige Zweisamkeit

An dieser zentralen Durchgangsstraße liegt ein Neubau, der ein Hotel und ein Bürogebäude miteinander kombiniert. Beide Teile sind durch eine übergreifende Struktur verbunden. Das Architekturbüro Sheppard Robson hat sich viele Gedanken gemacht, um die Funktionen harmonisch nebeneinander zu stellen und dabei eine optische Eigenständigkeit beider Bereiche zu erzielen. Gleichzeitig stellen die Proportionen eine Beziehung zu den viktorianischen Gebäuden her, die an das Grundstück angrenzen oder sich an der gegenüberliegenden Straßenseite entlang ziehen. Ebenso wie das Hotel, welches Platz für 180 Zimmer bietet, erstreckt sich auch das großzügige Bürogebäude über insgesamt fünf Etagen. Für beide Bereiche stehen insgesamt 9.690 m² zur Verfügung.

Unter dem Gebäude führt eine Bahnlinie entlang. Um den Aufwand zu reduzieren, wurde das Fundament des Vorgängergebäudes für den Neubau genutzt.

Neues Gebäude auf altem Fundament

Früher stand an dieser Stelle ein dreistöckiges Parkhaus, untertunnelt von einer Bahnlinie, die nach wie vor unter dem Gebäude verläuft. Sheppard Robson Architects betrachteten es als nachhaltigste und praktikabelste Lösung, das ursprüngliche Fundament des Parkhauses zu erhalten und weiter zu nutzen. Parallel zum laufenden Zugverkehr wäre es schwierig geworden, ein Fundament komplett neu zu errichten. Zwar liebäugelte man anfangs noch mit einer typischen Ziegelbauweise, letztlich entschied man sich jedoch für eine andere Lösung: Eine Stahlkonstruktion mit vorgehängten hinterlüfteten Fassaden aus Zink und Kupfer, die das übernommene Fundament weniger stark belastet. Besonderes Augenmerk richtete das Architekturbüro darauf, die Hotelgäste und die Menschen in den Büros durch bauliche Maßnahmen vor dem Lärm und den Vibrationen durch den Bahnverkehr zu schützen.

Der beigefarbene Glasfaserbeton sorgt für eine durchgehende horizontale Linienführung, die sich vom Büro- bis in den Hotelbereich erstreckt

Die Bekleidung macht den Unterschied

Ein entscheidendes Ziel des Projektentwurfs war es, die beiden unterschiedlichen Funktionen Übernachten und Arbeiten deutlich erkennbar zu machen und doch zu einem stimmigen Gesamtbild zu vereinen. Die Verbindung zeigt sich in einem durchgehenden Rhythmus der Fassaden und in gemeinsamen Elementen wie einem beigefarbenen Glasfaserbeton. Er bildet durchlaufende horizontale Linien auf Höhe der jeweiligen Geschossdecken. Auch die großen Glasflächen im Erdgeschoss und die Fenster aller Stockwerke werden von einheitlichen Rahmen aus pulverbeschichtetem Aluminium eingefasst. In einem wesentlichen Aspekt unterscheiden sich das Hotel und das Bürogebäude jedoch. Die Metallbekleidung der Fassade ist am Hotel in einer bronzefarbenen Kupferlegierung ausgeführt, während die Bürofassade eine Bekleidung in der samtgrauen VMZINC-Oberfläche QUARTZ-ZINC aufweist.

VMZINC Flatlock Profile in der Oberfläche QUARTZ-ZINC bekleiden die Außenhülle des Bürogebäudes

Proportionen wiedererweckt

Der gesamte Komplex weist eine ansteigende Topografie mit einem kleinen Sprung vom Hotel zum Bürogebäude auf. Auf diese Weise fügt sich der Baukörper gut in den Bestand ein. Dieser besteht auf der Hotelseite aus etwas niedrigeren Wohngebäuden, während sich auf der Büroseite weitere Bürogebäude anschließen. Eine Segmentierung der Fassaden spielt zudem auf die viktorianischen Wohnblöcke an, die sich ehemals – noch vor dem Parkhaus – an dieser Stelle befanden und greift deren Proportionen auf.

Schräggestellte Fassadenelemente dienen als optischer Anziehungspunkt

Schräge Sichtweise

Ein markantes Detail der straßenseitigen Fassaden ist es, dass die Bekleidungselemente aus Zink und Kupfer leicht schräg gestellt sind. Damit wollen Sheppard Robson den Fassaden trotz der eher geringen Straßenbreite Tiefe verleihen. Besonders aus schrägen Blickwinkeln betrachtet, belebt dieses Gestaltungselement das gesamte Gebäude. Umso mehr als die beiden unterschiedlichen Bereiche aus Zink und Kupfer gegenläufig angewinkelt sind und aufeinander zuzustreben scheinen.

An der Ecke des Bürobereichs scheinen die Elemente an den aufeinandertreffenden Seiten voneinander weg zu führen

Farblicher Kontrapunkt

Für das Hotel wurden kleinere und filigranere Schindeln verwendet, dessen Bronzefarbton gut zu den benachbarten Backsteingebäuden passt. Im Gegensatz dazu ist der Bürobereich mit größeren Flatlock Profilen aus Zink bekleidet, die auch farblich einen Kontrapunkt setzen. Gleichzeitig sorgen hier größere Fensterflächen dafür, dass dieser Bereich offener wirkt und mehr Licht ins Innere lässt. Der Bürokomplex weist noch eine weitere Besonderheit auf. Er endet an einer großen Straßenkreuzung und nutzt diese Ecklage für ein Spiel mit den schräg gesetzten Zinkprofilen: Von der verglasten Gebäudekante ausgehend, scheinen die Elemente voneinander weg zu laufen.

Wandelbare Werkstoffe

Sheppard Robson Architects waren bei der Wahl der Materialien die schimmernden Oberflächen von Zink und Kupfer wichtig. Besonders an sonnigen Tagen wirken sie fast lebendig, doch auch an bewölkten Tagen erzeugen sie ein abwechslungsreiches Lichtspiel. Beide Werkstoffe entwickeln sich farblich weiter, wobei der Bronzeton der Kupferlegierung noch einen stärkeren Wandel erwarten lässt als das vorbewitterte QUARTZ-ZINC. Neben den ästhetischen Eigenschaften war für das Architektenteam die Robustheit und Langlebigkeit der Materialien von großer Bedeutung.

Mehrere Flatlock Profile bilden ein Fassadenelement. Jedes dieser Elemente wurde vorgefertigt auf die Baustelle geliefert.

Maßgeschneiderte Vorfertigung

Sowohl die Fassadenelemente aus Zink als auch jene aus Kupfer entstammen einem maßgeschneiderten Prozess. Mit digitaler Hilfe entwickelte ein Ingenieurteam ein System, um Form und Größe der Profile zu bestimmen und diese vorab auf Trägerplatten zu größeren Fassadenelementen zu vereinen. Diese geschosshohen Elemente erreichten teilweise eine Höhe von 5 Metern und eine Breite von 2 Metern. Insgesamt wurden 150 große Zinkelemente und 370 Kupferelemente vorab mit sehr geringen Maßtoleranzen hergestellt und zur Baustelle geliefert. Diese Vorgehensweise verkürzte die Installationszeit vor Ort erheblich.

Ein guter Nachbar

Der Gebäudekomplex setzt auf nachhaltige Baustoffe und Bauweisen und die angewinkelte Ausführung der Fassaden trägt durch die mit ihr einhergehende Beschattung zu einer passiven Kühlung bei. An erster Stelle stand für das Architektenteam jedoch der Wunsch, ein Gebäude zu bauen, das sich als „guter Nachbar“ erweist. Es fügt sich in die umliegende Bebauung ein und zeigt Respekt vor dem städtebaulichen Kontext. Dieser Respekt bedeutete für das Team auch, mit einem frischen Ansatz zum abenteuerlichen Geist der Gegend beizutragen. Bemerkenswert ist, dass die Materialität einer Wand im Hinterhof auf der Gebäuderückseite so gewählt wurde, dass Kinder aus den angrenzenden Häusern mit einem Fußball dagegen kicken können, ohne Schaden zu verursachen. Charles Dickens wäre über eine solche Rücksichtname auf die Interessen junger Menschen sicherlich erstaunt gewesen.

Die bronzefarbene Kupferlegierung der Hotelfassade bildet einen wohldosierten Kontrast zum QUARTZ-ZINC des Bürobereichs

Guido Wollenberg

Bildrechte: VMZINC

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