Sternenhimmel auf Erden

Der kleine französische Ort Le Clion-sur-Mer hat mit dem Salle-Joséphine-Baker einen neuen Gemeindesaal erhalten. Er glänzt tagsüber mit einer ausdrucksstarken Erscheinung und erstrahlt nachts mit einer leuchtenden Fassade. Damit wandelt er ein wenig auf den Spuren seiner berühmten Namenspatin, die zunächst als Tänzerin, Schauspielerin und Sängerin die Menschen verzauberte und später ihre Bekanntheit nutzte, um für mehr Toleranz und Menschlichkeit einzutreten. Anfang des letzten Jahrhunderts in den USA geboren, nahm Josephine Baker im Jahr 1937 die französische Staatsbürgerschaft an. Alsbald schloss sie sich als aktive Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus der Résistance an. Zeit ihres Lebens setzte sie sich immer wieder gegen Rassismus und für die Freiheit und Gleichheit aller Menschen unabhängig von Nationalität, Hautfarbe oder Religion ein. Jahrzehnte nach ihrem Tod im Jahr 1975 wurde sie 2021 mit einem Platz im Panthéon, der nationalen Ruhmeshalle Frankreichs und Grabstätte berühmter Persönlichkeiten des Landes, geehrt.

Mit Einbruch der Dämmerung zeigt sich der Salle-Joséphine-Baker im besten Licht

Lokaler Anziehungspunkt

Trotz der großen Namenspatin handelt es sich beim Salle-Joséphine-Baker um eine eher kleine Halle für ein vorwiegend dörfliches Umfeld. Zwar sind die Atlantikküste und der Badeort Pornic nah, doch das Einzugsgebiet bleibt überschaubar. Das neue Gebäude soll daher vor allem für lokale Aktivitäten genutzt werden. Auf dem Programm stehen Aufführungen und andere schulische Aktivitäten. Darüber hinaus wird es an Sport- und Kulturvereine vermietet und steht Familien für private Veranstaltungen wie Hochzeiten oder Bankette zur Verfügung.

Die neue Gemeindehalle dominiert ihr Umfeld, ohne es zu erdrücken

Größe mit Augenmaß

Loom Architecture aus Nort-sur-Erdre haben das Gebäude entworfen und gebaut. Dabei war es dem Team von Loom ein Anliegen, das beachtliche Volumen des Saales nicht als große, erdrückende Box in sein Umfeld hineinzustellen. Denn das Stadtbild von Le Clion-sur-Mer ist weitgehend von ein- und zweigeschossigen Einfamilienhäusern geprägt, nur selten erhebt sich ein Gebäude in größere Höhen.

Fassaden und Dächer stoßen in den unterschiedlichsten Winkeln aneinander

Viele Facetten

Zu unauffällig sollte die neue Halle dann aber auch nicht sein, schon eher ein außergewöhnliches Bauwerk, das sich harmonisch in das Stadtbild einfügt. Loom Architecture haben diese Idee auf eine eindrucksvolle Weise umgesetzt. Dächer und Fassaden der Außenhülle bestehen aus einer Vielzahl an Flächen, die komplett mit AZENGAR bekleidet sind und in unterschiedlichsten Winkeln aufeinander treffen. Sie wirken fast wie die geschliffenen Facetten eines Diamanten.

Die äußere Hülle in Stehfalztechnik umschließt die Räume mit den Nebenfunktionen

Herz aus Beton

Der Salle-Joséphine-Baker besitzt eine weitgehend geschlossene Gebäudehülle aus Zink. Lediglich auf den beiden Längsseiten im Erdgeschoss gestatten zwei mittig platzierte, lange Glasfronten den Blick in das Gebäudeinnere. Eine Besonderheit der Konstruktion verbirgt sich hinter der Außenhülle: Hier bildet ein Betonquader das zentrale Element. Dieser ist das eigentliche Herzstück des Bauwerks und bietet eine Saalfläche von 560 m², auf der bei Bedarf bis zu 350 Sitzplätze bereitgestellt werden können. Auch eine kleine Bühne hat innerhalb dieser Betonstruktur ihren Platz gefunden. Die Räume für die Nebenfunktionen liegen außerhalb des Betonkerns und umschließen diesen wie eine zweite Haut. In dieser Peripherie befinden sich eine Küche, eine Garderobe, die Toiletten sowie eine lange Bar aus Zink.

Anwohner können auf Lärm verzichten

Die Anordnung mit dem Veranstaltungsraum im Inneren der Betonschale und den schützend darum herum angeordneten Nebenräumen mit der thermischen Hülle als Abschluss soll die Nachbarschaft vor Veranstaltungslärm bewahren. Gleichzeitig hatte die Raumakustik im Inneren des Saales einen wichtigen Einfluss auf die Konstruktion. Die Sichtbetonflächen, die normalerweise den Schall eher unerwünscht verstärken und leicht einen Halleffekt im Raum erzeugen können, wurden auf Anraten eines Akustikers durch leicht geneigte Wandflächen entschärft. Gleichzeitig wurden schallabsorbierende Elemente an der Decke angebracht.

Innenliegende Dachrinnen verhindern störende Elemente an der Fassade

Rundherum in Zink gehüllt

Das äußere Antlitz des Salle-Joséphine-Baker wird durch die helle VMZINC-Oberfläche AZENGAR geprägt. Sie ist sowohl an den Fassaden als auch auf sämtlichen Dachflächen der umschließenden Gebäudeteile zu finden. Nur das vom Boden aus nicht sichtbare Dach des zentralen Betonquaders bleibt ausgespart. Sämtliche VMZINC-Flächen an Dach und Fassade besitzen eine Stehfalzdeckung. Dafür wurden durchlaufende Zinkscharen verwendet, die ohne horizontale Fugen auskommen und dem Gebäude trotz der vielen unterschiedlich ausgerichteten Flächen seine eigene Ruhe und Stabilität verleihen. Innenliegende Dachrinnen verhindern, dass die facettenreiche Linienführung durch hervortretende Elemente gestört wird.

Wirkungsvoll aber untypisch für perforiertes Zink: Ausstanzungen, die keinem festen Raster folgen

Dort oben leuchten die Sterne

Die eigentliche Attraktion des Gebäudes findet sich jedoch an den Dach- und Fassadenflächen rund um den Haupteingang. Hier wurde speziell perforiertes Zink verlegt, das mit zahlreichen dreiecksförmigen Ausstanzungen in zwei verschiedenen Größen versehen ist. Hinter diesen Ausstanzungen verbergen sich LED-Leuchten, welche den Salle-Joséphine-Baker bei Nacht wie einen Sternenhimmel erstrahlen lassen und dem Gebäude eine glamouröse Aura verleihen. Fast scheint sich der Kreis mit diesen Lichtern zu schließen, denn sie bringen etwas vom Glanz und der Persönlichkeit der Künstlerin und Menschenrechtlerin Josephine Baker in die kleine Gemeinde im Westen Frankreichs.

Festliche Stimmung das ganze Jahr über

Guido Wollenberg

Bildrechte: Paul Kozlowski