Es ist noch gar nicht so lange her, dass Universitätsbibliotheken den Eindruck heiliger Hallen vermittelten, in denen jedes Geräusch ein unerwünschter Störfaktor war. Das Learning Center der Université de Haute-Alsace im elsässischen Mulhouse wirbt für ein zeitgemäßeres Konzept. Natürlich gibt es auch hier traditionelle Bücherregale. Rund ein Drittel der 73.000 gedruckten Exemplare der Bibliothek stehen für den direkten, „analogen“ Zugriff zur Verfügung. Das Learning Center ist jedoch weit mehr als die Fortführung einer traditionellen Universitätsbibliothek.

Austauschen statt horten
Mindestens ebenso wichtig wie der individuelle Wissenserwerb über Bücher oder digitale Medien ist hier der Austausch von Wissen in der Gemeinschaft. Dafür bietet das Learning Center zahlreiche offene Begegnungsflächen. Darüber hinaus unterstützt es mit seinem Angebot den Erwerb von fächerübergreifenden Kompetenzen: Sprachen, den Umgang mit gedruckten und digitalen Informationen und Dokumentationen sowie die Pädagogik. Das Angebot wendet sich gleichermaßen an Studierende, Lehrende und Forschende. Sie können hier in Gruppen oder allein arbeiten, sich austauschen oder ungestört nachdenken.

Attraktion auf dem Campus
Das Learning Center ist Teil des Illberg-Campus, dem größten Standort der Université de Haute-Alsace. Von hier reicht der Blick fast bis zum Stadtzentrum von Mulhouse. Am Rande des Campus gelegen, ist es mit seinem organischen, runden Erscheinungsbild der neue Blickfang des Campus und eines der aufsehenerregendsten Gebäude der gesamten Universität und der Stadt.

Abkehr von geraden Linien
Das Learning Center fügt sich ohne rechte Winkel in die Landschaft ein. Neben seinen runden Formen weist das Gebäude noch weitere auffällige Gestaltungsmerkmale auf. So wirken die Fenster wie tief in die Gebäudehülle eingeschnittene Bullaugen. Sie sind jedoch nicht rund, sondern scheinen die Kontur des Gebäudes aufzugreifen, zu vereinfachen und auf kleinem Raum zu variieren. Ungewöhnlich mutet auch die Gestaltung des Daches an. Sieben muschelförmige Erhebungen ragen aus der Gebäudehülle gen Himmel und erinnern an Sheddächer. Sie folgen mit unterschiedlichen Größen der Grundform des Gebäudes. Durch ihre Oberlichter gelangt viel Licht ins Innere. Schließlich ist auch die Außenhülle selbst ein Markenzeichen. Komplett in Zink gehüllt, zeigt sie einen fließenden Übergang von der Fassade zum Dach. Auch die muschelförmigen Sheddächer sind mit Zink bekleidet. Der verantwortliche Architekt Hugues Klein konnte sich im Wettbewerb um den Bau des Instituts auch deshalb durchsetzen, weil sich sein Entwurf deutlich von den geraden Linien der übrigen Gebäude auf dem Illberg-Campus abhebt.

Offenheit als Konzept
Der Innenbereich greift die runden Formen ebenfalls auf. Ein großer Bereich in der Mitte des Gebäudes verzichtet komplett auf parallel ausgerichtete Wände. Ohne Anfang und Ende soll er eine möglichst offene und anregende Lernumgebung ohne Begrenzungen schaffen. Das offene Innere erstreckt sich über zwei Geschosse und nimmt einen Großteil der öffentlich zugänglichen Fläche von 1.500 m² ein. Beide Ebenen sind über eine langsam ansteigende, ellipsenförmig geschwungene Rampe mit einem rollstuhlgerechten Gefälle miteinander verbunden. In diesem offenen Bereich befinden sich nicht nur Bücherregale, sondern auch viele Sitzmöglichkeiten. Neben Einzelplätzen und langen Tischreihen gibt es allerdings auch Lernboxen für mehrere Personen, die nach oben und zu je einer Seite hin offen sind und dennoch genügend Abgeschlossenheit für ein gemeinsames Lernen in der Gruppe bieten. Mit den großen, offenen Räumen und Verkehrsflächen will der Architekt Hugues Klein das Potenzial des Learning Centers freilegen. Sie sollen die Weitergabe von Wissen sowie die fachliche Kommunikation ebenso fördern wie den geselligen Austausch und das informelle Lernen.
Randerscheinung: die geschlossenen Bereiche des Learning Centers
Neben den diversen Lernbereichen für Einzelne und Gruppen gibt es im Gebäude auch Räume für Videokonferenzen, ein eigenes Videostudio, Räume für den Sprachunterricht und andere Lehrveranstaltungen sowie Büroräume und eine Cafeteria im Eingangsbereich. Diese meist geschlossenen Räume sind größtenteils an den Außenwänden des Gebäudes verortet, so dass die Offenheit im mittleren Bereich nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. Das Gebäude ist so dimensioniert, dass es Sitzgelegenheiten und Arbeitsplätze für über 400 Personen bietet. Insgesamt finden täglich rund 1.000 Besucherinnen und Besucher den Weg in das Learning Center. Die für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Bereiche eingeschlossen, bietet es eine Fläche von 3.700 m².

Muscheln aus Zink
Die Außenhülle ist komplett mit der gravierten VMZINC-Oberfläche AZENGAR bekleidet. 2.500 m² Zink wurden hier in Stehfalztechnik verlegt. Die Bekleidung ruht auf einer Holzunterkonstruktion, die ihrerseits an einer Metallstruktur befestigt ist. An der leicht nach außen geneigten Fassade verlaufen die Falze der Profile senkrecht nach oben. Etwas oberhalb der Fensterlinie erstreckt sich die einzige horizontale Fuge des Gebäudes. Im Anschluss gehen die Zinkscharen mit einer Rundung in das Dach über. Die Ausrichtung der Stehfalze auf dieser Rundung setzt exakt die Linienführung an der Fassade fort. Auch die sieben muschelförmigen Sheddächer weisen eine nach oben zulaufende Linienführung der Falze auf, die das Design und die Form gut unterstützt. Die Muscheln des Learning Center hüllen sich ebenfalls komplett in das matte AZENGAR.

Lernen und Arbeiten ohne Grenzen
Die hohe Akzeptanz des Ortes bei Studierenden und Universitätsangehörigen zeigt, dass das Spiel mit der Offenheit ein großes Potenzial hat. Es bringt Menschen an einem Ort zusammen und fördert den gegenseitigen Austausch sowie die Weitergabe von Wissen genauso wie die Geselligkeit. Architekt Hugues Klein hat sich für Räume ohne parallele Wände entschieden, die weder Anfang noch Ende zu haben scheinen. Seine Hoffnung ist, dass diese Form die Art und Weise beeinflusst, wie sich die Studierenden und Forschenden im Raum fühlen und wie sie arbeiten: nach allen Seiten offen und ohne Grenzen.

Guido Wollenberg
Bildrechte: Paul Kozlowski