In den letzten Jahren haben sich viele städtische Bibliotheken neu ausgerichtet und setzen vermehrt auf digitale Angebote und Arbeitsplätze. So wollen sie besonders bei jungen Menschen Interesse für ihre Dienstleistungen wecken. Mit der neuen Natalia-Ginzburg-Bibliothek beschreitet die Gemeinde Castel Maggiore einen anderen Weg: Sie gab ein Gebäude in Auftrag, das sich einer traditionellen Wissens- und Kulturvermittlung verschreibt. Um trotzdem gegen die digitale Konkurrenz von Streamingdiensten und Social Networks bestehen zu können, erweiterte die kleine italienische Gemeinde im Norden Bolognas die Anforderungen an das analoge Portfolio ihrer Bibliothek. In dem neuen Gebäude sollten der ausleihbaren Literatur Veranstaltungen, Ausstellungen und Konferenzen zur Seite treten.
Neuer Kulturtreffpunkt
Mit der Natalia-Ginzburg-Bibliothek, benannt nach einer bedeutenden italienischen Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts, will Castel Maggiore einen neuen Fixpunkt im sozialen Leben seiner Bürger etablieren. Die Bibliothek soll sich zum bevorzugten Treffpunkt für den Austausch von Informationen und Kultur entwickeln, zu einem Ort, an dem Menschen jeden Alters nicht nur lernen, sondern auch Kultur erleben oder einfach beisammen sein können. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf das Angebot für junge und sehr junge Menschen gelegt.

Auffälliges Verhalten
Ein zweites Gebäude ergänzt die eigentliche Bibliothek. Dieses beherbergt weitere Ausstellungs- und Konferenzräume und ist damit ein zusätzlicher Treffpunkt für die Bewohner von Castel Maggiore. Doch die Bibliothek ist nicht nur das größere, sondern auch das auffälligere der beiden neuen Bauwerke. Sie zeichnet sich besonders durch ihre geschwungene Dachform aus. Diese führt in einem sanft abwärts fließenden Übergang bis hinab auf das Bodenniveau des kleinen Parks, der den Komplex umgibt. Der Park wurde im Rahmen des Projekts ebenfalls neu gestaltet.
Integrationsmodell
Das Architekturstudio S. B. Arch. Bargone Architetti Associati ist an das Projekt mit der Idee herangegangen, eine möglichst starke Integration in die umliegende Landschaft zu schaffen. So bedeckt eine Grasnarbe einen Teil der sich zum Boden hinunterziehenden Dachfläche. Der sich unmittelbar anschließende Rasen erscheint fast wie eine aus dem Gebäude herauslaufende, natürliche Verlängerung der Bibliothek. Der überwiegende Teil der wellenförmigen Dachfläche besteht jedoch aus Zink. Dieses fällt ebenfalls in einer sanften Schwingung zum Boden hin ab und berührt diesen schließlich.

Verbindungssuche
Für den federführenden Architekten Federico Bargone stellt das geschwungene Design die Suche nach einer starken und innigen Verbindung zwischen dem Grün des Parks und dem menschengemachten, umbauten Raum der Bibliothek dar. Er sieht in der gesamten Anlage ein kraftvolles Element der Stadterneuerung, das als Bibliothek einen wichtigen Teil der städtischen Infrastruktur übernimmt. Das Miteinander von Natur und Kultur drückt sich auch in einer betonten Verbindung zwischen Innen und Außen aus, welche durch große Fensterbereiche hervorgehoben wird.
Verzahnter Übergang
Die Bibliothek öffnet sich mit diesen großen Fensterflächen für ihre Umgebung. Eine Besonderheit sind die Öffnungen auf der zum Park gelegenen Rückseite der Bibliothek. Hier tauchen die Fenster gaubenförmig aus dem hellgrauen Zinkdach hervor, sind selbst mit einer anthrazitfarbenen Bekleidung versehen und bilden so einen starken Kontrast zum restlichen, eher hellen Gebäude. Dieser Farbkontrast wird im Übergang vom geschwungenen Dach zu den rechteckigen Dachgauben etwas aufgefangen, indem helle und dunkle Zinkbereiche in einer leicht verzahnten Verlegung ineinander übergehen.
Während das Zinkdach auf einer Seite von einem ebenfalls geschwungenen, begrünten Randbereich eingefasst wird, endet es auf der anderen Seite in einer weiß verputzten Wand mit großen Fensterflächen. An diese schließt sich außen eine großzügige Treppe mit integrierten Sitzbereichen an. Sie verbindet die Bibliothek mit dem Park und kann im Sommer für Open-Air Veranstaltungen genutzt werden.

Innen wie außen
Das Innere der Bibliothek zeichnet sich durch ein modernes und geradliniges Design aus, das hauptsächlich mit hellen und sanften Farben arbeitet. Der Eingangs- und Empfangsbereich wird durch einen Multifunktions-Saal bestimmt. Hier vermittelt eine große Holztreppe zwischen zwei Geschossen und stellt gleichzeitig ein Anzahl an integrierten Sitzflächen zur Verfügung, die bei größeren Veranstaltungen im Saal einen guten Überblick ermöglichen. Diese Treppen-/Sitzplatz-Kombination im Innenbereich schließt sich direkt an die parallele Kombination auf der Außenseite an, getrennt nur durch den großen Fensterbereich. So ergibt sich eine ähnliche Platzgestaltung für Open Air und Indoor-Veranstaltungen. Weiterhin ist das Gebäude neben den Flächen für Bücher und Zeitschriften auch mit einer Cafeteria, speziellen Bereichen für Kinder und Jugendliche, einem Gruppenraum sowie großen Lesebereichen ausgestattet.
Dachgauben setzen Akzente
Die Außenhülle des außergewöhnlichen Dachs der Bibliothek ist mit VMZINC in Doppelstehfalztechnik eingedeckt. Als Hauptoberfläche dient QUARTZ-ZINC. Aus diesem samtgrauen Bereich erheben sich drei unterschiedliche große Flachdachgauben in ANTHRA-ZINC und setzen starke optische Akzente. Die größte dieser drei Gauben schließt im unteren Bereich direkt an die Grasfläche an, während die beiden kleineren Gauben im oberen Bereich aus dem wellenförmigen Dach hervortreten.

Gelungene Integration
Die Zink-Bekleidung wurden vom Studio S. B. Arch. Bargone Associati aufgrund seiner ästhetischen Qualitäten und seiner guten Formbarkeit ausgewählt. Neben der Farbigkeit und der Oberflächenstruktur unterstreichen die Langlebigkeit und Recyclingfähigkeit des Materials seine perfekte Integration in die natürliche Landschaft. Die Außenhülle aus Zink wurde von der Firma Involsucro S.P.A. installiert, einem Partner des italienischen VMZINC AT WORK-Netzwerks. Passend zum naturverbundenen Erscheinungsbild setzt das neue Gebäude auf nachhaltige Technologien, wie Photovoltaikmodule auf dem Dach oder Regenwasser-Rückgewinnungs-Systeme. Auch bei der Materialwahl wurde auf eine zertifizierte Umweltverträglichkeit geachtet.
Mit sanftem Übergang von der Kultur zur Natur
Mit der Integration in den umgebenden Park und den sanft zum Boden führenden, begrünten Dachflächen ist die Natalia-Ginzburg-Bibliothek zu einem starken Anziehungspunkt in Castel Maggiore geworden. Die Welle aus QUARTZ-ZINC, mit der die Bibliothek in Richtung Park ausläuft, ist ein optischer Höhepunkt. Das auffälligste Designelement ergibt sich aus der Kombination des gewellten Daches mit Flachdachgauben in ANTHRA-ZINC. So entsteht ein ungewöhnliches Zusammenspiel von hellen Grautönen mit dunklen Akzenten, von denen sich die weiß gerahmten Fenster im Inneren der Gauben noch einmal deutlich abheben. Die angesetzte Rasenfläche rundet das Gesamtbild natürlich ab.

Guido Wollenberg
Bildrechte: Pier Mario Ruggeri